XI. Amphi Festival 2015 - Bericht von The Trooper

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    • XI. Amphi Festival 2015 - Bericht von The Trooper

      Amphi-Bericht 2015 - Sturmwarnung wirbelt Ablauf durcheinander

      Das XI. Amphi-Festival startete mit großen, langangekündigten Veränderungen und vollmundigen Versprechen. Größer, schöner, noch besser - der Veranstalter rührte im Vorfeld die Marketingtrommel, um den Umzug von der gewohnten Location in unbekannte Gefilde möglichst schmackhaft und schmerzfrei zu gestalten.

      Nach der Ankunft und einem ersten Versuch der Orientierung zunächst die Überraschung. Der gesamte Außenbereich, Bühnen wie Händler, ist bis auf weiteres gesperrt. Während das Organisationsteam versuchte, dem Ansturm an Fragen und Beschwerden Herr zu werden, und gleichzeitig den Ablaufplan zu aktualisieren, blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit dem anzufreunden, was an Bands auftreten konnte.



      Also erstmal rein in die Arena, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen und dabei von Chrom die Ohren durchpusten lassen. Anschließend bei Rabia Sorda die Sitzplätze auf den Rängen testen und lachend wieder herausfallen, als der Keyboarder erfolglos versucht, seinen Keyboardständer wieder aufzurichten – Loriot wäre stolz auf ihn. The Crüxshadows lockten mich dann erneut wieder ins Innere, wo ich den Auftritt vom hinteren Ende des Parketts verfolgte. Obwohl es zu diesem Zeitpunkt kein Alternativprogramm gab, schien sich das Interesse des Publikums leider in Grenzen zu halten, die Arena war eher dünn besetzt. Ich verfolgte noch den Beginn des [X]-RX Sets, bevor ich mir eine Pause gönnte.

      Nach kurzer Erholung machte ich mich dann wieder in Richtung Arena-Parkett auf, um den stampfenden Klängen von DAF zu lauschen, die auf Grund des Sturms von der Green Stage ins Innere verlegt worden sind. Um die nun folgende Bewertung besser nachvollziehen zu können schicke ich voraus, dass ich nie DAF-Fan war. Ich verbinde keinerlei nostalgischen Gefühle mit der Band, kenne sie altersbedingt nicht zu ihren Hochzeiten, bin mit ihrer Musik nicht groß, und in den Jahren danach nie warm geworden. Der Auftritt auf dem diesjährigen Amphi hat nichts dazu beigetragen, diese Meinung zu ändern. Einst provokante, politische wie musikalisch wegweisende Lieder haben nach über dreißig Jahren deutlich an Sprengkraft verloren. Während Bands wie z.B. Kraftwerk ihre Auftritte konseqenterweise als eine Art Retrospektive im Museum inszenieren, wirken DAF auf einer großen Festivalbühne blutleer und nur bedingt tanzbar.



      Nach einer weiteren notwendigen Pause beschloss ich den ersten Amphi-Tag an neuem Ort mit dem Set von Front 242 ausklingen zu lassen.

      Das letzte reguläre Album der Belgier um Frontmann Jean-Luc De Meyer stammt noch aus dem Jahre 2003, es folgten Livealben und natürlich zahllose Auftritte, inklusive einer Pause im Jahre 2012. Doch schon 2014 waren Front 242 wieder beim Amphi vertreten. Eine Band wie Front 242 profitiert am deutlichsten vom Umzug in die Lanxess Arena. Hier wurde ausgiebigst von der vorhandenen Technik Gebrauch gemacht, ausgeklügelte Videosequenzen und Lightshow wechselten mit Stroboskopgewitter und druckvollem Bassgeballer. Ein Auftritt wie er mit seiner dichten Atmosphäre nur schwer am Tanzbrunnen vorstellbar gewesen wäre.

      Der Sonntag begann mit Sonnenschein und einem mittlerweile geöffneten Außenbereich – da sah die Lage schon freundlicher aus. So konnten auch Inkubus Sukkubus ihren ausgefallenen Auftritt vom Samstag nachholen, bevor sie die Rückreise nach Gloucestershire antreten mussten. Das Set bestand zur Hälfte aus einem rein akustischen Teil und einem mit Drumcomputer und Sequencer. Sängerin Candia verhexte die Anwesenden mit ihrem Charme und ihrer Stimme. Schien mir die Band in der Vergangenheit auf Platte eher nichtssagend, gewinnt sie live deutlich an Reiz. Der Auftritt war nichts anderes als bezaubernd, und genau das richtige für diesen Vormittag.


      Auch weniger aufmerksamen Beobachtern fallen an diesem Tag vereinzelte Menschen in bunten Sternenflottenuniformen auf, die zwischen den ansonsten schwarz gekleideten Besuchern tatsächlich wie auf einer Außenmission wirken. Grund dafür war nicht etwa ein Raumschiff im Orbit, sondern der Auftritt von S.P.O.C.K. Die drei Synthpopper aus Schweden, deren Lieder sich monothematisch um Science-Fiction im engeren (Star Trek) und weiteren (Weltraum, Aliens) Sinne drehen, haben sich im Laufe von über zwei Jahrzehnten eine loyale Fanbase erspielt. Songs wie „Never Trust a Klingon“ oder „Dr. McCoy“ lassen einen Schmunzeln, wie überhaupt der ganze Auftritt von guter Laune geprägt ist und einfach Spaß macht. Das Set endet mit dem vulkanischen Gruß und dem Versprechen, dass alle Anwesenden in die große S.P.O.C.K Familie aufgenommen sind.


      Den Mittelalter-Slot besetzte in diesem Jahr die Band Qntal. Das Deine Lakaien-Spin-Off mischt nun schon seit 1991 in der Mittelaltermusikszene mit, und setzt dabei im Vergleich zu anderen ähnlichen Projekten eher auf elektronische Klänge und althochdeutsche Aussprache denn auf elektrische Gitarren und moderne Texte. Während Sängerin Syrah gerne zu den einzelnen Lieder einige erklärende Worte sprechen wollte, drängte Maître de Mittelalterinstrumente Michael Popp angesichts des sonntags noch enger gesteckten Zeitrahmens immer wieder zum Weitermachen. Abgesehen davon bot der Auftritt eine gute Gelegenheit, sich bei angenehmem Wetter und einem entspannten Bier auf der Wiese vor der Green Stage verzaubern zu lassen.


      Der Auftritt von The Mission, einer der von vielen Fans sehnsüchtig erwarteten Headliner, fiel zunächst enttäuschend aus. Der Sound in der Arena war schlecht und zu basslastig abgemischt, Frontmann Wayne Hussey wirkte gesanglich wie mental nicht ganz auf der Höhe und im allgemeinen lustlos. Für Verwirrung sorgten zudem zwei redlich bemühte Backup-Vokalisten, die nicht zum üblichen Line-Up gehörten. Hintergrund: wie Hussey in einem Facebook-Post erklärt hat er sich einige Tage zuvor eine schwere Erkältung zugezogen, die einen Auftritt beinahe unmöglich gemacht hätte. Um die Fans nicht zu enttäuschen entschied sich Hussey unter Zurhilfenahme diverser Medikamente und der erwähnten Backup-Sänger trotzdem zum Auftritt – mit stark eingeschränkter Kapazität. Dadurch fühlte er sich selbst „nicht ganz anwesend“. Die Zuhörer vor der Bühne erfreuten sich dennoch an dargebotenen Hits wie „Severina“ oder „Butterfly on a Wheel“.


      VNV Nation, seit gut zwanzig Jahren das Knorr Fix des Future Pop (bekannt, beliebt und für meinen Geschmack immer ein Stück zu künstlich oder fad) waren als letzter Act des Tages für das Finale des XI. Amphi-Festivals zuständig. Da es in puncto Line-Up zu diesem Zeitpunkt keine Überschneidungen oder Parallelansetzungen gab, wurde der Oberrang der Arena für zu erwartenden Besucherandrang geöffnet, so dass es keinen Platzmangel gab. Das war auch gut so, denn die Begeisterung der Fans beschränkte sich nicht auf den Innenraum, auch auf den Rängen und um mich herum wurde während des Auftritts immer wieder spontan getanzt. Und nicht nur das Publikum war begeistert. Sänger Ronan Harris liebt seinen Beruf und lebt ganz offenbar für solche Momente, in denen er mit seinen Fans interagieren kann. Immer wieder wandte er sich an die Zuhörer, animierte sogar mehrmals zu Laolawellen, während er einen Klassiker nach dem nächsten zum besten gab. Harris beendete die Darbietung, deutlich emotional berührt, mit der Ankündigung, dass in diesem, dem Jubiläumsjahr der Band sowohl ein Kompendium mit Demos, B-Seiten und sonstigem raren Material veröffentlich werden soll, als auch einige Special-Shows mit Gastmusikern folgen werden.

      Abschließend muss ich sagen, dass ich (abgesehen von den erwartbaren „Wachstumsschmerzen“ und den unvorhersehbaren Wetterkomplikationen) positives Potential in diesem Locationwechsel erkenne. Vor allem die Tatsache, dass kleinere Bands jetzt im Freien, große Bands in einer Arena spielen, trug erheblich zu Stimmung und Atmosphäre bei. Gerade Bands aus dem EBM und Elektro-Spektrum konnten die Licht- und Soundtechnik ausreizen und z.B. wie Front 242 für ausgeklügelte Videoprojektionen nutzen.