X. Amphi Festival 2014 - Bericht von The Trooper

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    • X. Amphi Festival 2014 - Bericht von The Trooper



      Für ein entspanntes Eingrooven positionierte ich mich vor der Mainstage, wo pünktlich She Past Away auf die Bühne traten. Für Verzögerungen bestand auch gar kein Anlass, nicht zuletzt weil aufwändige Umbaumaßnahmen entfielen. Erfrischend minimalistisch präsentierte sich das Duo, welches schon seit ein paar Jahren ein Kuriosum der Darkwave-Szene darstellt. Das auffällige ist weniger die türkische Herkunft, als der Entschluss, auch in der Muttersprache zu texten, was dem geneigten Zuhörer die Rezeption nicht unbedingt erleichtert. Dies tut dem internationalen Erfolg von She Past Away aber keinen Abbruch, und auch auf der Amphi-Bühne wusste man zu überzeugen. Zwei Mann vor schwarzem Backdrop, Gitarre, Bass und ein Drumcomputer, der Überstunden machte. Mehr brauchte es nicht für gefällige Darkwaveklänge, die den sich langsam füllenden Platz umspülten.


      Und stimmungsvoll ging es auch weiter, als im Anschluss Clan Of Xymox in aktueller Besetzung die Bühne enterten. Die Truppe, die dieses Jahr bereits dreißigjähriges Jubiläum feiern kann, überzeugte mit äußerst tanzbarem Synthpop und klassischen Clubhits für die Tanzfläche. So ließ sich das anfangs noch etwas schläfrige (vielleicht vom Warm-Up noch angeschlagene) Publikum schnell zum Feiern und Mitklatschen bewegen.

      Nach einer dringend nötigen Mittagspause im Schatten (die Wettervorhersage, die Gewitter und Schauer angedroht hatte, bewahrheitete sich nicht, stattdessen brannte die Sonne) und bei Met ging es zurück vor die Main, wo die Anwesenheit diverser großen Trommeln bereits auf das baldige Erscheinen von Corvus Corax hinwies. Die selbsternannten Könige der Spielleute sind allein durch ihre Anzahl (drei Mann für die Percusssion und vier für Dudelsack etc.) und Kostümierung jedes Mal eine imposante Erscheinung. Musikalisch konnte man jedoch leider nur bedingt überzeugen, nicht zuletzt weil technische Probleme (lautes Krachen und gelegentliche Aussetzer bei bestimmten Mikros) den Genuss erheblich schmälerten. Es sollten nicht die letzten technischen Probleme an diesem Tag bleiben. So mussten Front 242 am Abend ebenfalls auf der Mainstage ihren Auftritt erst verschieben und dadurch deutlich verkürzen.


      Doch zurück zum Samstagnachmittag. Nachdem ich fast schon Sorge hatte, mir einen Sonnenstich zu holen, beschloss ich, dem Staatenhaus einen Besuch abzustatten. Zwar laufen auf dem Amphi jedes Jahr Jungs und Mädchen in Uniform herum, dieses Jahr hatte man aber auch passenderweise die Gelegenheit, sich den Aggrotech von Nachtmahr um die Ohren kloppen zu lassen. Um es kurz zu machen: ich war...nicht überzeugt. Als Vehikel des Österreichers muss wohl in erster Linie cleveres Marketing und ein stimmiges „Drumherum“ gelten: die rüchsichtslos faschistoide Ästhetik, die sich überall von den Videos bis zum Merchandise niederschlägt findet dankbare Abnehmer. Abseits einer gelungenen Zielgruppenanalyse bewegt man sich jedoch gerade mal auf Durchschnittsniveau, was vor allem beim Liveauftritt spürbar wird. Die „Sangeskunst“ von Thomas Rainer kann das mediokre Songwriting nicht kaschieren. Bereits beim höchstens dritten Song des Sets (wenn ich zwischendurch nicht eingeschlafen bin) rollen meine Augen fast hörbar in ihren Höhlen, als die zur Bühnendeko gehörenden Uniformmädchen bei „Feuer frei“ mit Wasserpistolen ins Publikum „schießen“.


      Ich beschließe, den Tanzdiktator ohne mich weitermachen zu lassen, und stattdessen spontan im Theater Platz zu nehmen. Es sollte die beste Entscheidung des Wochenendes werden. Zum zehnjährigen Jubiläum konnte das Amphi nämlich mit einer Band aufwarten, die sich fast ebenso lange auf keiner Bühne mehr hat blicken lassen: Janus. Die Kürze dieses Berichts und seine Form lassen eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Akustikset des Duos Riegert/Hahn kaum zu. Die nach so langer Zeit hohen Erwartungen der zahlreichen anwesenden Fans (das Theater war bis auf den letzten Platz, inklusive Fußboden besetzt) wurden nicht enttäuscht. Die gelungene Akustikumsetzung auch ursprünglich eher gitarrenlastiger oder elektronischer Songs verleiht den sowieso meist tragisch-morbiden Texten eine zusätzliche Gravitas, der man sich nicht entziehen kann. So verwundert es nicht, dass es am Ende niemanden mehr auf den Plätzen hielt, und der ganze Saal den Auftritt mit stehenden Ovationen honorierte.

      Am späteren Abend konnte die Staatenhausbühne wiederum zwei Urgesteine des Synthpop präsentieren: Midge Ure, Sänger von Ultravox, und direkt im Anschluss Camouflage. Das Publikum ließ sich auf einer Woge der Nostalgie davontragen. Wenn Midge Ure alte Ultravoxhits wie „Love's great adventure“ oder natürlich „Dancing with tears in my eyes“ zum Besten gibt, dann hat das ein bisschen was von Festzeltatmosphäre. Der grundsympathische Schotte möge es mir verzeihen, wenn ich schreibe, dass Midge Ure bei einem Ultravox-Karaoke Wettbewerb einen guten zweiten Platz belegen würde.
      Synthiewellen und gedämpftes Licht bei Camouflage waren ein gelungener und entspannter Ausklang zu einem langen und abwechslungsreichen Amphi-Samstag.


      Der Sonntag steht im Zeichen der Neuen Deutschen Härte. Los geht’s im Staatenhaus mit Maerzfeld. Die noch recht junge Band (gemessen am Gründungsdatum, nicht individuellem Alter der Mitglieder) brettert nach einem Marschmusikintro auch recht vielversprechend los, und steigert sich im Laufe ihres Auftritts noch, was Intensität und Härte angeht. Es folgt eine Mischung aus Stücken der zwei bisher erschienenen Alben, inklusive des titelgebenden Songs der aktuellen Scheibe „Fremdkörper“. Jedoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt. Auf der offiziellen Facebookseite freut man sich darüber, dass bereits das Debütalbum „Tief“ 2012 als potentieller Rammstein „Thronfolger“ gehandelt wurde. Das dies das Ziel der Band ist, wird auch dem kursorischen Hörer schnell deutlich, jedoch fehlt dafür dann doch einiges in den Bereichen Songwriting und nicht zuletzt Bühnenpräsenz.

      Eine längere Pause erlaubte es mir, das Gelände an diesem Tag noch einmal in Ruhe zu erkunden. Dieses Jahr waren einige Veränderungen bei den Händlern feststellbar, die möglicherweise Rückschlüsse auf den derzeitigen Zustand der Szene zulassen.
      Die sicherlich auffälligste Änderung war das Verschwinden des großen X-tra-X Verkaufsstands auf der zentralen Brunnenplattform. Dieser wurde ersetzt durch eine Met-Lounge, nicht dass ich mich beschweren würde. Auch EMP, die den Webshop des einstigen Underground-Marktführers übernommen haben, waren nicht vor Ort. Diverse kleinere Händler warben mit großem Ausverkauf – auf Grund von Geschäftsaufgabe. Folge der allgemeinen Wirtschaftslage oder Zeichen für einen Umbruch innerhalb der Szene?


      Nach derlei Grübeleien wandte ich mich wieder unbeschwerteren Themen zu – Musik und Met z.B.
      Mesh sind eine Band die niemandem weh tut. Und das meine ich als Kompliment. Allgemein dem Synthpop zugeschrieben, präsentieren sie sich für mich, gerade live, betont etwas elektro-rockiger, was dem Gesamteindruck zu Gute kommt. Die Jungs aus Bristol machen einfach Spaß, ihre äußerst tanzbaren Clubstampfer bringen die Menge trotz sengender Nachmittagssonne zum Tanzen. Leider fehlt den Songs das häufig zitierte „gewisse Etwas“, so dass sie für mich persönlich leider nichts haben, was sie aus der Masse der anderen Synthpopper herausstechen lassen würde.

      Der coup de grâce zum Ausklang des Jubiläums-Amphi war der Auftritt von Eisbrecher, die das Festival mit einem Knall beschließen sollten.
      Man muss die Band um Rampensau Alexx Wesselsky nicht mögen, um anzuerkennen, dass diese bühnenerfahrene Vollprofis sind. (Ich mache aus meiner Haltung keinen Hehl, dass Eisbrecher versuchen in die Lücke zu stoßen, die durch den schwindenden Erfolg von Megaherz gerissen wurde. Mir persönlich wäre die Lücke lieber gewesen). Man merkt der Band einfach die Spielfreude und Energie an, mit der sie auf der Bühne steht. Die Abläufe sitzen, und nichts scheint dem Zufall überlassen. Zwischendurch erprobt sich Herr Wesselsky noch als Entertainer, der vor einem großen, ihm zujubelnden Publikum ganz in seinem Element ist. Nur die Lärmschutzbestimmungen beenden den Auftritt nach knapp 90 Minuten. Eisbrecher hätten auch noch genug Energie für zwei weitere Stunden gehabt.