X. Amphi Festival 2014 - Bericht von Springteufel

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    • X. Amphi Festival 2014 - Bericht von Springteufel



      Ich startete meinen Festivalsamstag im Staatenhaus und war gespannt auf „Phosgore“. Nach düsteren Warnhinweisen und Nebelschwaden donnerten sie los - harte Bässe, aggressive Synths und schrille Störgeräusche feuerten in das Publikum. Die Menge war tanzwütig und wusste genau, dass das Elektro/ Industrial-Duo ihnen den richtigen Stoff dazu liefern würde. Freunde aggressiver Elektro-Musik spielen in „Here comes the pain“ rein und freuen sich auf das neue Album „Noise Monsters“.

      Mit dem Wechsel zur Mainstage, drehte sich auch einmal um 180 Grad das musikalische Genre. „She past away“ stehen für ein düsteres Lebensgefühl aus den 80ern, für feinsten Darkwave und Post-Punk, für authentische Klänge einer scheinbar verschollen Zeit. Auf Dauer fehlte mir jedoch ein wenig die persönliche und besondere Note. Ähnlich bei dem auf der Mainstage folgenden Urgestein der Szene „Clan of Xymox“. Songs wie „I close my eyes“ oder „She is falling love“ brachten in Verbindung mit der aufkommenden Sonne ein wunderschönes Festivalfeeling, waren mir auf Dauer aber ein wenig zu eintönig. Betrachtet man das begeisterte Publikum, stehe ich jedoch recht alleine da mit meiner Meinung: Schon so früh am ersten Festivaltag war der Platz vor der großen Bühne gute gefüllt und tanzend in Bewegung.



      Eine Nummer rockiger wurde es direkt darauf mit „Lord of the Lost“: Vergleiche ich diesen Auftritt mit früheren, so scheint es, also wollten die Hamburger dringend ihr „Schöne-Jungs“-Image abstreifen: Härter, dreckiger, martialischer präsentierte man sich, mehr Growls in den Vocals, größere Gesten auf der Bühne. Einen schönen Kontrast bildete dazu die neue, etwas ruhigere Single „Six feet under“.

      Man könnte meinen, man habe gezielt die heiß umschwärmtesten Männer auf die Amphi-Bühnen geholt: Auch „Zeromancer“ begeisterten nicht nur Frauenherzen. Mit „Clone your lover“ und anderen Ohrwürmer, machten sie ihre Fans euphorisch. „Immer wenn wir in Deutschland ankommen, sind wir glücklich“ freuten sich die Norweger.


      Ein klein wenig ernüchternd gestaltete sich der folgende Auftritt von „Aesthetic Perfection“. Wie ich schon zu Beginn des Jahres auf einem Konzert festgestellt habe, ist das neue Album einfach sehr poppig und fast etwas nichts-sagend. Zudem scheint Sänger Daniel Graves gerade bei etwas ruhigeren Stücken etwas schwach auf der Brust zu sein. Umso mehr freute ich mich über „ältere“ Songs wie „For you“ und nutzte diese um ordentlich abzutanzen.

      Vorweg gesagt: Ich bin kein „Blutengel“-Fan. Nie gewesen, werde ich auch nie sein. Die Texte zu platt, die Optik zu abgedroschen, alles ein wenig zu poppig. Jedoch muss ich sagen, dass der besondere Auftritt von Blutengel zusammen mit einem klassischen Kammerorchester wirklich toll inszeniert und beeindruckend war. In Kerzenschein gehüllt wirkte das komplett aufgestellt Orchester auf der Bohne sehr imposant. Songs wie „Soultaker“ oder „Komm zu mir“ kamen beim Publikum im klassischen Gewand sehr gut an, „Die with you“ brachte viele Paare im Publikum zum träumen und tanzen.
      So ließ ich meinen ersten sonnigen Amphitag entspannt mit einem Cocktail in der Strandbar ausklingen und lauschte in der Ferne den Klängen der Mainstage.


      Der Sonntag startete für mich an der Hauptbühne mit „Torul“, welche mit solidem Synthie-Pop und musikalischen Anleihen bei Depeche Mode auf den finalen Festivaltag einstimmten.
      Sehr viel rockiger wurde es darauf mit „Unzucht“. Der äußerst energetische Sänger animierte das Publikum mit dem Mikrofonständer wie mit einem Taktstock, strahlte deutlich begeistert in die Menge und kommentiert diesen jungen Festivaltag mit „geile Scheiße!“. ich stimme vollends zu! Besonders angetan hatte es mir das rockige Cover von „Entre dos tierras“.



      Besonders freute ich mich schon seit Wochen auf „Klangstabil“. Ich bin großer Fan des experimentell-elektronischen Duos. Nach einiger Zeit der Ruhe um „Klangstabil“ präsentierten sie das erste mal live neue Songs wie „Shadowboy“ und „Pay with friendship“. Voller Aggression und Kraft performte auch diesmal Sänger Boris May und presste seinen Kopf gegen die wummernden Boxen, ganz, als wolle er die Musik „Klangstabil“ waren mal wieder eines meiner Highlights auf dem Amphi-Festival! Auch „Rotersand" überzeugten auf ganzer Linie und überraschten mit einigen Remixen bekannter Songs. So gingen „Merging Ozeans“, „Liar“ und andere Clubdauerbrenner fließend ineinander über und ließen den Füßen keine Ruhe.


      Am Dunkel-Volk Stand drängten sich derweil immer wieder die Menschenmengen. So auch, als „Janus“ zur Autogrammstunde lud und sich wirklich für jeden Fan viel Zeit nahm für persönliche Gespräche und Fotos. Hier bot sich die Gelegenheit, den Bands wirklich nah zu kommen und Erinnerungsfotos schießen zu lassen.
      Mein zweites Sonntags-Highlight und leider zugleich auch größte Enttäuschung war der (nicht nur von mir) heiß ersehnte Auftritt von „London after midnight“. Selten sieht man das Szene-Urgestein auf deutschen Bühnen und um so trauriger ist es, dass die Bühnentechnik der Band das ganze Konzert einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Kein Song verging ohne Tonaussetzer oder Komplettausfälle. Der Ärger stand vor allem Sänger Sean Brennan deutlich ins Gesicht geschrieben und ließ ihn mehrfach die Bühne verlassen. Trotzdem war es klasse, Songs wie „Sacrifice“ oder „Kiss“ live zu hören und die Legenden live in Aktion zu sehen.


      Ganz im Stil von „London after midnight“ hätte ich mir noch mehr Hochkaräter für ein Jubiläum dieser Art gewünscht. Dennoch war das Amphi-Festival ein rundum gelungenes Festival, mit einigen technischen Schwierigkeiten hier und da und einem wirklich vollem Gelände aber vor allem auch dem, was die Szene ausmacht - viel Liebe zur Musik, viel Toleranz und dem großen und einem allumspannenden Gemeinschaftsgefühl was sich Jahr für Jahr wieder einstellt. Auf mindestens weitere 10 Jahre Amphi-Festival!