4. Amphi-Festival, 19.-20. 07. 2008, Tanzbrunnen Köln
Traditiones sunt servandae –Traditionen müssen bewahrt werden. Doch auch Traditionen erfahren zuweilen Neuerungen: Erstmals hieß es für das insgesamt vierte Amphi-Festival, welches zum dritten Mal im Kölner Tanzbrunnen stattfand, „Nichts geht mehr –restlos ausverkauft“. Tausende Schwarzkittel aus Deutschland und dem benachbarten Ausland wurden erwartet, um eines der drei maßgeblichen Ereignisse im schwarzen Terminkalender wahrzunehmen.
Und es wurde mächtig aufgefahren, die hohen Erwartungen zufrieden zu stellen.
Samstag, 19. 07. 2008
Mina Harker
Pünktlich begann der musikalische Teil der Veranstaltung. Es war 12 Uhr mittags, High Noon, als keine Revolvermänner die Bühne betraten, sondern die Goth-Rock-Formation Mina Harker, bestehend aus der Protagonistin selbst, Jonathan, pardon, Alexander Gorodezki (Programmierung und Gitarren) sowie Unterstützungsmusikanten. Neben ihrer aktuellen Single „Tiefer“ hatten sie eine handvoll gut hörbarer Songs im Gepäck, die nach 30 Minuten Spielzeit mit freundlichem Applaus quittiert wurden. Wenn es gelingt, den Liedern auch noch ein wenig Lucy Westenra zu verpassen, ist die Szene um eine bemerkenswerte Variante rockiger Düstermusik reicher, die auch zu späteren Zeiten und vor mehr Publikum bestehen wird. DMZ
Cinderella Effect
Überpünktlich (fünf Minuten zu früh) schwebten die Damen von Cinderella Effect ein.
Die Gruppe, das Soloprojekt von Blutengel-Sängerin Constance Rudert, hat sich auf Coverversionen von bekannten Titeln der Indie- und Gothic-Szene spezialisiert, welche in mehrstimmigem weiblichem Gesang neu interpretiert werden. Kostproben des bisher einzigen Albums „Pearls“ wurden denn auch in Köln zum Besten gegeben, wobei sich ungeachtet der etwas übersteuerten Bassdrum schöne Gesangsharmonien mit guter Rhythmik paarten.
Wie so häufig bei derartigen Konzeptbands reichten sich Genie und Wahnsinn die Hände – auf wunderbare Passagen („Wenn die Liebe ein Engel ist“; „Summer Wine“: definitiv besser als die Ville-Vallo-Version) folgten Versionen wie die von Cranberrys „Zombie“, die mehr Fragen aufwarfen als beantworteten. Insgesamt aber eine durchaus interessante Sache, wenngleich man leider auf die sicherlich spannende Bearbeitung von Type’O’s Klassiker „Black No. 1“ verzichtete, den die Truppe auch im Programm hat. DMZ
Zeromancer
Nach einer verhunzten Ansage seitens des Moderators Honey, der den inzwischen 8 Jahre alten Song „Clone your Lover“ spontan zum „aktuellen Clubhit“ erklärte, heizten die fünf Norweger auf der Mainstage kräftig ein. Es wurde gleich losgelegt mit dem druckvollen Need you like a Drug, welches die Menge vor der Bühne sofort auf Betriebstemperatur brachte. Keine große Nummer zwischen dem bereits erwähnten Clone your Lover und dem Überhit Dr. Online wurde ausgelassen, wenn sie auch ihr drittes Album Zzyzx komplett vernachlässigten. Begeistert wurden auch die beiden neuen Songs My Little Tragedy und Sounds like love aufgenommen, die die Vorfreude auf die neue Platte ansteigen ließen.
Ein gelungener Auftritt einer sichtlich gut gelaunten Band, der Geschmack auf mehr macht. Zeit für das neue Album, Jungs! SZK
Grendel
Es lag nicht nur an der ersten der zahlreichen folgenden Regenschauern, dass sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt größere Schlangen vor dem Theater bildeten, die vergeblich Einlass begehrten: sollten doch dort die drei Holländer von Grendel den Reigen elektronischer Tanzmusik fortsetzen, der mittlerweile fast schon traditionell das Hallenprogramm beim Amphi-Samstag darstellt.
Das gelang ihnen ohne Zweifel: es blitzte, blinkte und wummste – die Technik funktionierte einwandfrei und hier und dort ließen sich einsetzende Tanzherde im weiten Rund feststellen. Die Lightshow war ansehnlich, der Sound klar und die Lautstärke angemessen, alles in allem also eine ordentliche Darbietung. DMZ
Nachtmahr
Welle:Erdball
Der Plan sah nun vor, sich gemütlich zur Mainstage zu begeben, um ein nettes Plätzchen zu Welle:Erdball zu ergattern – weit gefehlt: deutlich vor dem terminierten Zeitpunkt hatte das Konzert begonnen, weshalb sich die ersten Augenblicke einer Bewertung entziehen.
Die restlichen 30 Minuten reichten aber vollends aus, um sich von den vielfachen Qualitäten Honeys (der auch wieder als Conferencier durch das Programm führte) und seiner Mitstreiter zu überzeugen. Es erstaunt immer wieder aufs Neue, mit welchem Einfallsreichtum es der Truppe gelingt, den eigenen großen Hit „Monoton und Minimal“ zu widerlegen. Mitreißende Elektronikmusik, die zu keinem Zeitpunkt seelen-, ideen- oder sinnlos ist, wie so oft in diesem Genre zu beobachten, gepaart mit ständig wechselnden visuellen Eindrücken, machen jeden Auftritt von Welle:Erdball zu einem Happening – selbst wenn er nur auf Festivallänge eingedampft wurde.
Keine Lightshow (stets von bemerkenswerter Qualität bei Hallenkonzerten der Gruppe) aufgrund des Tageslichts möglich? – Kein Problem: man spanne einfach mehrere Plastikfolien an Ständern quer über die Bühne und lasse sie sukzessive von einzelnen Bandmitgliedern besprühen. Ein guter Sound, die Energie Honeys sowie die emsige Betriebsamkeit der wieder einmal ausgesprochen passend gewandeten Damen taten ein Übriges um der Musik den würdigen Rahmen zu bieten: „Wir wollen keine Menschen sein“; „Arbeit adelt“; „Starfighter F-104G“ und natürlich „Monoton und minimal“ sorgten für erste Wellen der Begeisterung auf dem Erdball des Tanzbrunnens, lediglich „Ich bin aus Plastik“ kam stimmlich etwas dünn daher – was nicht nur an der Soundtechnik gelegen haben mag. Dagegen sorgte das neue Stück, die NDW-Collage „Die neue Welle“, gekonnt für dezente Nostalgie bei der Generation der 1975 und früher Geborenen. Diesem Motto blieb auch die Zugabe treu: eine Kurzversion des Fehlfarben-Klassikers „Es geht voran“.
Ein absolut sehenswertes Ereignis, gleichwohl war eine Sache schlichtweg falsch, und zwar die Aussage, welche die besprühten Folien dem Zuschauer gegen Ende deutlich vor Augen führten: „Ziel – verfehlt – Kultur (zerbrochen)“ – Ganz im Gegenteil, die Herrschaften! DMZ
Zeraphine
Im Anschluss wurde es mit Zeraphine ein wenig ruhiger, wenn auch nicht schlechter. Die Band war gut gestimmt und so wurde ein gut durchmischtes Set geboten, welches dem Fan jeden Song bot, nach dem er verlangte, wo natürlich Hits wie Be my rain und Flieh mit mir nicht fehlen durften. Der charismatische Frontmann Sven Friedrich versteht es einfach, die Leute in seinen Bann zu ziehen und hielt sie dort bis zum letzten Klang.
Ein schöner Gig, von dem man nichts anderes als Gutes erwartet hat und auch genau das bekam. SZK
Haujobb
Dass elektronische Musik auch live seine Berechtigung haben kann, konnten ebenfalls Haujobb unter Beweis stellen. Myer und Samardzic, mittlerweile auch schon 15 Jahre im Geschäft, boten deutlich auf die Erfordernisse eines Liveauftritts zugeschnittene Versionen ihrer Hits, vom stampfend-bedrohlichen „Penetration“ bis zum brachial rhythmischen „Noise institutes“, alles aber von einer meist nur so eben fühlbar darüber wabernden Melancholie durchsetzt. Einflüsse u. a. von Nitzer Ebb waren nicht zu überhören, gleichwohl (oder gerade deshalb?) gelang es, die gute Stimmung im Theater aufrecht zu erhalten.
Mit großem Applaus wurden sie vom Publikum verabschiedet. DMZ
Tactical Sekt
Auch das Haujobb-Publikum verabschiedete sich fast vollständig und machte Platz für die neue Klientel: Zuschauer von Tactical Sekt – offenbar gibt es wenig Schnittmengen, kaum einer blieb in der Halle, die aber pünktlich zum Beginn der multinationalen Kombo wieder gefüllt war. Die Umbaupause war kurz – nun ja, so lange dauert es auch nicht, eine neue
CD-ROM einzulegen.
Was sich dem Betrachter bot, waren verschiedene Eindrücke. Der erste: es ist unglaublich, wie viele Stücke der Gruppe man schon kennt, wenngleich man bei einigen dachte, sie seien von Suicide Commando. Der zweite: Das Bild, welches sich nur beim Hören der Musik entwickelt, hat wenig gemein mit den unscheinbaren, zur Korpulenz neigenden Herrschaften, die sich auf der Bühne zeigten.
Das Element von Gruppen wie Tactical Sekt ist zweifelsohne nicht die Live-Bühne, sondern die Beschallungsanlage von Discotheken. Vielleicht sollte man es dabei belassen. DMZ
The Lovecrave
Covenant
Der Tanzbrunnen war gut gefüllt von einer tanzhungrigen Menge, als Covenant die Bühne betraten. Und Sänger Eskil, wie immer galant gekleidet, und seine Mannen boten dem Publikum, was es wollte: Tanzbare Songs. Quer durch die Bandgeschichte wurden Stücke wie Bullet, Dead Stars und Ritual Noise dargeboten und ebenso gefeiert. Auch Joakim Montelius stand das Konzert tapfer durch, hatte er sich doch tags zuvor das Bein beim Amphi Cup verletzt.
Routiniert und gut, aber nicht langweilig, wie man es von Covenant gewohnt ist. SZK
Deine Lakaien
Vom Fastfood zur Hâute Cuisine: zu den Lakaien muss sicherlich kein einleitendes Wort mehr verloren werden (Der Meinung war übrigens auch Moderator Honey, der schweigend unter Zuhilfenahme von Schildern die Ansage durchführte). Der Stellenwert, den sich die kongenialen Ernst Horn und Alexander Veljanow innerhalb und außerhalb der schwarzen Szene erworben haben, bewegt sich zweifelsohne in den höchsten Sphären, spätestens seit sie sich in zwei dicht aufeinander folgenden Projekten auf diametral entgegen gesetzten Gebieten höchste Meriten erwarben: Konzerte als puristisches Zwei-Mann-Elektronik Duo („The concert that never happened before“) sowie „20 Years of Electronic Avantgarde“ mit der Neuen Philharmonie Frankfurt.
Auf dem Amphi blieb es dagegen konventionell: ein „Best of“-Programm in „normaler“ Live-Besetzung, d. h. ergänzt von Violine, Cello und E-Bass. Womit wir bereits bei der Quadratur des Kreises angelangt wären: ein „Best of“-Lakaien für 70 Minuten? Dennoch gelang ein repräsentativer Querschnitt durch die mehr als 20jährige Schaffenszeit. Von „Colourize“ und „Over and Done“, über „Into my Arms“ (in einer bemerkenswert schmissigen, fast schon marschartigen Version) und „Generators“ bis zu „Where you are“ – wie selbstverständlich gelang es den Lakaien wunderbarste Klanggemälde zu entwerfen: kein opulenter Rubens, kein aggressiver Grosz, vielmehr erinnerte manches an die schwelgerische Melancholie von Caspar David Friedrich, dessen immense Wirkungskraft tatsächlich auch im versteckten Detailreichtum der auf den ersten Blick simplen Motive liegt.
Ein bestens gelaunter Alexander Veljanow führte mit larmoyanten Sprüchen durchs Programm, Ernst Horn, dessen Leistung notorisch unterschätzt wird, ließ erahnen, wer der eigentliche musikalische Genius ist. Der Sound trug ein Übriges dazu bei, lediglich die Violine unterlag gelegentlichen Lautstärkeschwankungen.
Als zu „Vivre“ stilecht eine abendliche Brise durch das Publikum wehte, schien eine emotionale Steigerung kaum noch möglich, doch gelang diese noch mit „Return“ und „Dark Star“ als Abschluss des regulären Sets sowie der Zugabe „Love me to the End.“
Die einzige Frage, die letztlich offen blieb, war: warum war diese Gruppe nicht Headliner des Samstags? Man stelle sich dieses Klangerlebnis vor dem Hintergrund des fast schon kitschig-schönen Sonnenuntergangs vor, der sich über dem westlichen Horizont abzeichnete! Spontane Heiratsanträge wären unvermeidlich gewesen - insofern vielleicht eine
weise Entscheidung des Veranstalters… DMZ
Oomph!
Das Privileg des nominellen Topacts am Samstag besaßen dagegen die neben Rammstein prominentesten Vertreter der so genannten „Neuen Deutschen Härte“ (deren erstes Auftreten nun auch schon wieder mehr als 10 Jahre zurück liegt). Wie L’Âme Immortelle, Nightwish u. ä. haben auch sie einen leidlich erfolgreichen Ausflug in die Mainstream-Kommerz-Branche
hinter sich – selbst vor Stefan Raabs „Song Contest“ schreckten sie nicht zurück. Die Auswirkungen für die auf diesen Markt zugeschnittenen Veröffentlichungen waren verheerend: statt finster-aggressiver Härte belangloses Dümpeln, Songs wie Fettaugen auf der faden Brühe der Massenpopularität.
Im Gegensatz zu anderen Vertretern (s. LAI) sind sich Dero, Crap und Flux aber wenigstens live vergleichsweise treu geblieben. Ein schöner sauberer Sound, ein geisteskrank umherhüpfender Frontmann und eine solide E-Gitarren-Rhythmik zerstreuten anfängliche Bedenken des neutralen Szenebetrachters schnell und ließen ihn bis zum Ende ausharren, wenngleich das qualitative Gefälle im Songwriting aus oben genannten Gründen spürbar war: Die boshafte Energie aus „Unrein“-Zeiten zeigte sich denn auch nur bei entsprechenden Songs der „Prä-Augen-auf-Zeit“.
Als Highlights erwiesen sich diesbezüglich bereits das zweite Stück „Unsere Rettung“, sowie „Fieber“ und das unverwüstliche „Gekreuzigt“, während die „Brennende Liebe“, seinerzeit als Duett mit L’Âme Immortelle (sic!) bei Viva totgesendet und in Köln als erste Zugabe fungierend, niemanden so richtig entflammen konnte. Auch mag es das Geheimnis von Oomph! bleiben, warum sie den letzten Song „Der neue Gott“ lediglich in einer abgespeckten Singalong-Version darbrachten.
Summa summarum ein kurzweiliger Gig, der, um die kulinarischen Metaphern fortzusetzen, gute Hausmannskost bot: keine übermäßigen Gaumenkitzel, aber durchaus sättigend. DMZ
Sonntag, 20. 07. 2008
Mediaeval Baebes
Schwer vorstellbar, aber es gibt eine Parallele zwischen den Mediaeval Baebes und Eisbrecher: letztere heißen so, erstere fungierten als solche zum Auftakt des zweiten Amphi-Tages. Hier enden freilich die Gemeinsamkeiten, wenngleich die Vorstellung eines Eispickel- und Wodkaflasche-Schwingenden Alexx im Kreise der sechs fröhlich tanzenden und trällernden Engländerinnen einen gewissen Reiz besitzt – aber ich schweife ab.
Unterstützt von den wieder einmal vorzüglichen Background-Musikern wurden schöne Lieder dargebracht; schön anzuhören, ebenso anzusehen, ohne dass die Musikgeschichte nach dem Gig neu geschrieben werden müsste. Sie bliesen Flöte, tanzten Ringelreihen – selbst bei gelegentlich etwas unsauberen Harmonien kann man ihnen einfach nicht böse sein; es sei denn man ist ein Purist mittelalterlicher Authentizität: Damit haben die Damen wahrlich nichts gemein, bei den Mediaeval Baebes liegt die Betonung nun einmal auf dem zweiten Namensbestandteil.
Nichtsdestotrotz erwies sich die handvoll Songs als bekömmlicher Aperitif und wurde mit wohlmeinendem Klatschen entgegengenommen. DMZ
Spiritual Front
Den Auftakt des Sonntags im Theater gestaltete die italienische Kombo Spiritual Front. Ohne einem Freund des Samstagsprogramms zu nahe treten zu wollen: bereits nach dem ersten Refrain des absolut genialen Openers
„I walk the (dead) line“ hatte die Stahlkuppel mehr Musikalität reflektiert als beim bisherigen dortigen Programm zusammengenommen.
Unverkennbar sind die Wurzeln im Neofolk: ein solides handwerkliches Fundament, Mut zur Wirkungskraft ruhiger Passagen, gekonnt eingebrachte Elemente anderer Stilrichtungen (bis hin zu Country und astreinem Rock) gepaart
mit intelligenten Texten verdichten sich zu einem musikalischen Erlebnis, welches Bauch und Kopf gleichermaßen anspricht.
Dazu Songs, die einen von den ersten Tönen in ihren Bann ziehen – etwa das traumhafte „Jesus died in Las Vegas“ oder „Slave“, mit einer Gitarre, die jedem Shadows-Fan (die 60er-Band, nicht die Discothek) Tränen der Rührung in die Augen treibt. Und spätestens nach dem „Song for the Old Man“, entstanden in Zusammenarbeit mit Ordo Rosarius Equilibrio, standen zwei klare Ergebnisse des viel zu kurzen Sets fest:
1. Spiritual Front klingen so, wie Nick Cave gerne seit 10 Jahren wieder klingen würde, und 2. Ohne Zweifel waren sie DAS Überraschungshighlight des an Extravaganzen nicht eben überfrachteten Amphifestivals 2008… DMZ
Spectra*Paris
…denn dass ein Sideprojekt von Elena Fossi, der charismatischen Sängerin von Kirlian Camera, bei dem der Meister selbst, Angelo Bergamini, seine Finger im Spiel hat, zu den künstlerischen Höhepunkten jedes Festivals zählen würde, kann niemanden, der sich in der Schwarzen Musikszene auskennt, überraschen. Das perfekte Zusammenspiel von passenden Lichteffekten, einer die Stimmung der Songs ideal untermalenden Beamer-Show, eindrucksvoller Performance der Allgirl-Group und einem absolut brillanten Sound (Bergamini persönlich stand am Regler) erzeugten beim Zuschauer das gleiche rauschhafte Gefühl, einem einzigen, vielschichtigen Kunstwerk gegenüber zu stehen, wie es außer Kirlian Camera nur ganz wenige Gruppen vermögen.
Da fiel es nicht weiter ins Gewicht, dass nach dem imposanten Intro, weitgehend dominiert von Soundtrack und Bildern des Films Clockwork Orange, und dem Opener „Spectra Murder Show“ zunächst einige Stücke folgten, die bei diesem hohen künstlerischen Niveau nicht ganz mithalten konnten: denn Elena Fossis Stimmgewalt und distanzierte Erotik würden auch „Hänschen Klein“ zum Erlebnis machen. Und spätestens mit der grandiosen Interpretation des Tears-for-Fears-Klassikers „Mad World“ war auch diese Lücke geschlossen – das wunderbar-melancholische „Falsos Suenos“ und der fulminante Abschluß, bei dem gekonnt Elemente aus dem James-Bond-Thema „You only live twice“ eingearbeitet wurden (und Nancy Sinatras Original gaaaaaanz alt klingen ließen) sorgten dafür, dass auch die zweifellos hohen Erwartungen nicht enttäuscht wurden. DMZ
Cinema Strange
Die 3 Kalifornier sind ein Phänomen, das wohl so einzigartig ist. Sobald Cinema Strange die Bühne betreten verwandelt sich jede noch so technisch aussehende Bühne in ein surreales Theater aus einem anderen Jahrhundert. Was bei anderen Bands Ansagen sind, sind hier die Spielereien und ein kleines Chaos, was verbreitet und zelebriert wird.
Vor dem Konzert hantierte der auf Pumps stöckelnde Sänger Lucas mit einem Stuhl herum, lag damit in Sitzposition auf dem Boden und ähnliches. Auch die Kostüme waren wie immer hervorragend gewählt um dem „strange“ im Bandnamen gerecht zu werden.
Begonnen wurde gleich mit
En Hiver vom ersten selbstbetitelten Album und das Publikum war spätestens jetzt fest im Bann der Jungs. Die Songauswahl zog sich durch die Bandgeschichte, wobei auch ganz alte Stücke wie
Unlovely Baby vom Demo nicht fehlen durften. Lucas zerlegte zwischendurch seinen Mikrofonständer und dirigierte seine 2 Mannen von seinem Stuhl aus.
Abgeschlossen wurde diese Theaterperformance mit
Greensward Grey, welches dies wunderbare Konzert gelungen abrundete.
SZK
Lacrimas Profundere
Härter und rockiger wurde es im Theater im Anschluss mit Lacrimas Profundere. Leider eine von der Masse recht unbeachtete Band, bieten sie doch kräftigen Gothrock irgendwo zwischen den 69 Eyes und Type O Negative. Nichtsdestotrotz ein toller rockiger Auftritt, der zum Haare schwingen einlud. Auch wurden einige neue Songs präsentiert, die sich gut in das vorhandene Material integrierten und die Spannung zur neuen Platte steigerten. SZK
Das Ich
Der Wahnsinn hat ein Gesicht. Genau genommen zwei, sie gehören Bruno Kramm und Stefan Ackermann, ihres Zeichens Hirn und Stimmen der Szene-Dinosaurier Das Ich. Seit ihrem Debüt-Album „Satanische Verse“ 1990 gehen sie konsequent ihren musikalischen Weg, neuen Trends nicht ablehnend gegenüber, den eigenen Stil aber nie vernachlässigend, wie sich auch in Köln feststellen ließ.
In organischer Einheit reihten sich immer noch aktuelle Hits vergangener Tage (“Kain und Abel“; „Gott ist tot“; und der stimmungsmäßige Höhepunkt des Gigs, eine knallharte Version von „Destillat“) an neue Songs - dargereicht von einem exzentrischen Trio, dem tönern gefärbten Irrwisch Ackermann, dem leicht beleibten Jack-in-the-Box Kramm und dem weniger leicht beleibten Koch herben Breis, Live-Ergänzung Marty Söffker.
Und noch etwas wurde deutlich: Das Ich gehört zum Gothic wie die Farbe Schwarz – das war so, das ist so und das bleibt so. Und das ist gut so. DMZ
L’Âme Immortelle
„Bitterkeit“ – „Was hält mich noch hier“ – „Ich gab Dir alles“ – „Another Day“ – noch lange ließe sich die Liste von traumhaft schönen Liedern fortsetzen, mit denen das österreichische Duo die Musikwelt bereichert hat. Gemeinsam ist diesen Werken aber neben der herzergreifenden Emotionalität zugleich der Umstand, dass sie auch aufgrund ihres Alters zu den Klassikern zu zählen sind. Anders ausgedrückt: in den letzten Jahren kam nicht mehr viel. Auch hier erwies sich der Ausritt in die Welten von „Viva“ und „MTV“ als unglückselig, jener Scheinwelt, deren Sirenenruf schon viele gute Bands erlagen und konsequent Schiffbruch erlitten.
Seither befindet sich die künstlerische Entwicklung der Band in einem Zustand, welcher am besten vom Namen des ersten Musikprojekts von Thomas Rainer umschrieben wird - Siechtum. Diesbezüglich brachte auch der Gig auf dem Amphi-Festival keine neuen Erkenntnisse. Fraglos gab es Augenblicke, in denen alte Klasse aufblitzte („Aus den Ruinen“; „Life will never be the same again“). Doch schon beim Opener, einer unvorstellbar seelenlosen Version des eigentlichen Überhits „Bitterkeit“, vermittelten Sonja Kraushöfer und Co. den Eindruck von Sattheit – ein Eindruck, der durch die lustlose Performance zweier sichtlich unfitter Interpreten stetig verstärkt wurde. Die fragwürdige Songauswahl tat ein Übriges: man legte den Focus eindeutig auf die neueren Stücke, die nichts anderes sind als Selbstplagiate besserer Zeiten.
Aus diesen besseren Zeiten stammt auch der Song „Gefallen“. Der Refrain lautet: „Ich hab zu viele Engel fallen sehen, unter dem Rad der Zeit. Seelenleer und entstellt, wenn der letzte Schatten fällt.“
Recht hatten sie. DMZ
Soko Friedhof
Hierbei handelt es sich um das inzwischen doch recht bekannte Nebenprojekt der Berliner Untoten, die fern von ihrem düster-romantischen Hauptprojekt hier das Tanz- und Clubpublikum ansprechen. Garniert wird das ganze mit herrlich
ironischen und auch kritischen Texten über die Szene und die Gesellschaft an sich.
David A. Line wurde gesanglich unterstützt von seiner Kollegin Greta Csatlós und von 2 Tänzerinnen, die allerdings
soweit an den Bühnenrand gedrängt wurden, dass sie nicht weiter von Belang waren. Wie erwartet wurde ein Tanzflächenkracher nach dem anderen rausgehauen, egal ob Uniform vom neuen Album „Klingeltöne Satans“ oder Klassiker wie Blutrünstige Mädchen.
Man muss diese ganze Combo einfach mit einem großen Augenzwinkern sehen, damit man Spaß mit ihnen haben kann und wer dazu in der Lage war hat auch eine gute Performance geboten bekommen. SZK
Suicide Commando
Kaum zu glauben, aber auch die Belgier von Suicide Commando gehören mittlerweile fast zum „alten Eisen“ – die erste CD-Veröffentlichung („Critical Stage“) liegt nun bereits 14 Jahre zurück. Dass dieses Eisen Rost angesetzt hätte, kann nun wirklich niemand behaupten, nach wie vor bietet jede Veröffentlichung die Garantie für mehrere veritable Clubhits; Zweifler mögen sich das bis dato letzte Album „Bind, torture and kill“ zur Hand nehmen.
Allerdings sind brillante Longplayer und überall bekannte Discotheken-Hits keine Gewähr für eine ebensolche Live-Performance.
So boten sich dem Betrachter auch hier verschiedene Eindrücke, die einem irgendwie bekannt vorkamen. Der erste: es ist unglaublich, wie viele Stücke der Gruppe man schon kennt, wenngleich man bei einigen dachte, sie seien von Tactical Sekt. Der zweite: Das Bild, welches sich nur beim Hören der Musik entwickelt, hat wenig gemein mit den gelegentlich an Scooter und ähnliche Knallchargen erinnernden Herrschaften, die sich auf der Bühne zeigten.
Sicher, man hat sich um eine ansprechende Optik bemüht (Beamer-Show; viel Aktivität). Ebenso reihte sich bei den Songs ein Hit an den nächsten („Dein Herz, meine Gier“; „Cause of Death: Suicide“; „Hellraiser“ um nur einige zu nennen) – Gleichwohl muss, wie schon bei TS angedeutet, die Frage erlaubt sein, inwieweit Live-Auftritte einen Sinn ergeben, bei denen fast die vollständige Klangerzeugung aus der Konserve kommt – die Keyboards dienten in Köln zumeist der Zierde (jedenfalls stimmten hörbare Töne und betätigte Tasten selten überein) und die Stimme war derart mit Effekten überladen, dass Texte im Grunde verzichtbar waren; nicht einmal die Ansagen zwischen den Songs konnten verstanden werden.
Nichtsdestotrotz: für reichlich Stimmung war gesorgt, wer tanzen wollte, konnte das reichlich tun – schließlich gab es im Theater ausreichend Kontrastprogramm, wenn man denn hineinkam. DMZ
Clan of Xymox
Das Theater war heute sehr abwechslungsreich konzipiert, denn auch Clan of Xymox unterschieden sich wieder fundamental von der Band, die vor ihnen spielten. Seit den 80ern begeistern die Niederländer das Publikum und so auch heute.
Zum Einstieg wurden die krachigen Farewell und Weak in my knees geboten, welches wohl auch noch ein paar übriggebliebene Electro-Kinder begeistern konnte, doch spätestens bei Klassikern wie Jasmin and Rose, Luise und der Coverversion von Bowies Heroes war klar, dass Zeit für alten Wave ist. Ein Konzert ohne großen Schnickschnack, der allerdings auch nicht zu Xymox passen würde. Abgeschlossen wurde mit Muscoviet Musquito, dem ersten Song der Band, den Sänger Ronny lächelnd mit „And now our first Song. It’s about Moskitos.“ ankündigte, womit für das Publikum genug gesagt war. SZK
Project Pitchfork
Raus aus dem Theater und rein ins Tageslicht zu Project Pitchfork, Co-Headliner für den Sonntag auf der Mainstage. Trotz des miesen Wetters ließ sich niemand von der Hauptbühne wegbringen, was die Band auch dankend quittierte mit einem schönen tanzbaren Set. Zum Ende hin, als Peter Spilles zu einem ihrer größten Hits „Timekiller“ noch And Ones „Deutschmaschine“ anstimmte, entschied sich auch die Sonne noch einmal hervorzukommen und bescherte einen Regenbogen für die letzten 2 Songs. SZK
Eisbrecher
Allzu oft muss der Mensch große Mühsal durchleiden, um das Paradies zu schauen, respektive zu hören. Die ewig lange Schlange von Menschen, die vor dem Theater gute 30 Minuten wartete, durchnässt von regelmäßigen Regenschauern und durchsetzt von „netten“ Mitmenschen, die sich nicht entblöden, auch im dicksten Getümmel eine Zigarette nach der anderen zu rauchen, wusste: da muss einiges kommen, um diese Unbill zu rechtfertigen. Aber keine Sorge, es kam ja Eisbrecher.
Die Konstanz, mit der die Truppe um Alexx „Checker“ Wesselsky, regelmäßig Festivals in Grund und Boden spielt, ist beängstigend – aber Realität. Auch an diesem, mittlerweile frühen Abend in Köln rollten die Münchner wie eine überdimensionierte Walze aus Stahl und Beton unaufhaltsam auf einen zu: exakt in Timing und Rhythmik (der neue Bassist Olli fügte sich nahtlos ein), schnörkellos und hart wie ein Brett, wenngleich die Gitarren hier und da etwas zu laut röhrten. „Wo ist Dein Gott“; „Leider“; „Phosphor“ oder das verstörend bedrohliche „Antikörper“ – Musik wie aus Gusseisen. Dazu ein Shouter, wie es sie in der gesamten Gothic- und (!) Metalszene nur wenige gibt, ausgestattet mit einem begnadeten Timing, einer markanten Stimme und der Gabe stets den perfekten Spruch auf den Lippen zu haben, wohl wissend, dass man sich bei soviel Härte selbstironische Kommentare ohne weiteres leisten kann – man denke an die Howard-Carpendale-Einlage bei „Zeichen der Venus“.
Nahezu perfekt war sicherlich auch die Setlist: „Schwarze Witwe“; „Willkommen im Nichts“ sowie natürlich als letztes Stück die Reminiszenz an Megaherz: „Miststück“ brachten die Halle zum toben – zweifellos eines der absoluten Highlights des diesjährigen Amphi-Festivals. DMZ
And One
Der ganze Tanzbrunnen war gefüllt bis in die letzten Reihen mit Zuschauern jeglicher Couleur unter dem Schwarzvolk. Der Bühnenaufbau war einer imposanten Rednerbühne nachempfunden, auf deren verschiedenen Ebenen die Tastendrücker gelegentlich wechselten. Steve Naghavi begeisterte durch seine bewegungsfreudige Performance und die Menschen waren bis in die letzten Reihen nur am Tanzen, ein einziger Open Air Club-Hexenkessel.
Und diese Meute bekam mehr als genug Stoff dazu, egal ob 80er-Coverversionen wie The Sun always shines on TV oder It’s a sin, neues wie Steine sind Steine und Traumfrau oder altbekannte Tanzflächenfüller Für und zum zweiten Mal Deutschmaschine.
Knapp anderthalb Stunden wurde gefeiert und die Menge in Atem gehalten, ein wirklich mehr als gelungener und runder Abschluss für die Mainstage-Konzerte des IV. Amphi-Festival in Köln. SZK
Die Krupps
Den Abschluss des Live-Programms lieferten zu nachtschlafender Zeit die Väter des Industrial-Metal, Die Krupps. In Unkenntnis der Gründe, die es notwendig machten, die Gruppe an einem Sonntag Abend auf 23.45 Uhr zu terminieren, noch dazu fast anderthalb Stunden nach Spielende der vorletzten Band, will ich von einer Bewertung dessen Abstand nehmen. Warum aber zum Zeitpunkt des eigentlich angesetzten Beginns erst langsam und gemächlich die Backline aufgebaut wurde, bleibt rätselhaft. Technische Schwierigkeiten können dafür nicht verantwortlich sein, schließlich sollten 90 Minuten Vorlaufzeit in jedem Falle ausreichen. Als das Warten endlich ein Ende hatte, war es bereits 0.15 Uhr, eine Zeit, zu der diejenigen, die auf den letzten Zug Richtung Süden angewiesen waren, das Gelände so langsam verlassen mussten.
Wer dies tat, der sei versichert, dass er nichts verpasst und seiner Gesundheit einen guten Dienst erwiesen hat. Was da von der Bühne herunterdröhnte, war ein einziger, unverdaulicher Brei aus wechselseitig über- und untersteuerten Instrumenten, der trotz Earsaves nur schwer zu ertragen war. Ein gutes Viertel der geduldig ausharrenden Schwarzkittel flüchtete bereits beim ersten Stück, der Rezensent entschied sich bei der Alternative, das Konzert nach gut der Hälfte vorzeitig zu verlassen oder aber dauerhafte Schäden an Ohren und Gesamteindruck des diesjährigen Amphi zu riskieren, für ersteres. DMZ
Fazit
Was bleibt ist die Erkenntnis eines wieder einmal hervorragend organisierten und reibungslos abgelaufenen Festivals. Unverkennbar ist das Bemühen, im letzten Jahr noch aufgetretene Missstände zu beseitigen (Erschließung von mehr Raum durch Öffnung der „Strandbar“; zusätzliche (feste!) Toiletten, Parkplätze wesentlich näher als noch im letzten Jahr). Manches aber entzieht sich leider der Verantwortlichkeit des Veranstalters, weshalb der Besucher auch im nächsten Jahr mit unfreundlicher, teilweise auch inkompetenter Security, und maßlos überteuerten Preisen für hundsmiserables Essen zu kämpfen haben wird. Kostenloses Trinkwasser stellt schon eine große Erleichterung dar, man kann schwerlich erwarten, dass es zukünftig noch belegte Brote gratis geben wird.
Technik und Sound waren durch die Bank ausgesprochen gut, es kam kaum zu Verschiebungen der Zeitpläne (außer Welle:Erdball – zu früh; und Krupps – zu spät).
Über die Platzierungen und Terminierungen einzelner Bands lässt sich immer streiten, wenngleich die Entscheidung „Eisbrecher“ ins Theater zu verlegen, angesichts der zu erwartenden Fanmenge und des daraus resultierenden Andrangs wenig glücklich erschien.
Musikalisch hätte man sich freilich etwas mehr Mut zum Risiko gewünscht. Das Billing wies im Grunde alles auf, was irgendwie Rang und Namen in der Szene hat. Verlässliche Recken, die ordentliche Performances garantieren, wie schon viele Male gesehen, und ebenso verlässlich die Hütte voll machen. Das Neue, das Überraschende kam dabei, bis auf wenige Ausnahmen, zu kurz. Zwei bis drei Acts, die vielleicht nicht jeweils garantierte 1000 Zuschauer mitbringen, aber das künstlerische Gesamtbild noch reizvoller gestalten könnten, hätte man sich angesichts des ausverkauften Hauses sicherlich leisten können, zumal insbesondere die elektronische Tanzmusik nicht eben unterrepräsentiert war.
Schließlich sollte den Veranstaltern auch im nächsten Jahr nicht um die nötige Resonanz bange sein: Traditionen müssen bewahrt werden – und das Amphi-Festival am Kölner Tanzbrunnen muss spätestens nach dieser gelungenen dritten (bzw. insgesamt vierten) Auflage definitiv als eine solche bewahrenswerte Tradition angesehen werden. DMZ
Für das Dunkel-Volk berichteten:
Strange Zombie Kitten (SZK)
Der mächtige Zeus (Stefan Schrumpf, DMZ)
:UnMensch: (Yves Christelsohn, Bilder)