Wenn große Ereignisse sich jähren, so sind dies Gründe zum jubeln – folgerichtig hat sich für solche Tage der Begriff „Jubiläum“ entwickelt. Und dieser Jubel mag um so lauter ertönen, wenn es sich um ein „besonderes“ Jubiläum handelt, sprich, wenn die Jahreszahl durch „5“ teilbar ist.
Spätestens dann, wenn irgendetwas sein erstes „richtiges“ Jubiläum hinter sich hat, kann es nicht mehr als Neuerung gelten, sondern als Institution – man feiert also letztlich eine Metamorphose: das zu Bejubelnde wird gewissermaßen erwachsen. Insofern ist das erste Jubiläum auch etwas ganz besonderes - Es versteht sich von selbst, dass man sich bemüht, ein unvergessliches Erlebnis daraus zu machen.
Dass die Mannbarwerdung des Amphi-Festivals, dessen fünfte Wiederkehr es diesjährig zu bejubeln galt, schnell in Vergessenheit geraten wird, ist – so viel kann vorweg genommen werden – nicht zu erwarten, auch wenn vieles bereits aus den vergangenen Jahren wohlbekannt war: ein Kölner Tanzbrunnen, proppevoll mit Schwarzkitteln aus aller Herren Länder, die gesamte Bandbreite deutschen Wetters und ein Billling, das sich wie das Who-is-who der aktuellen Gruft-Musik liest.
Aber der Reihe nach.
Coppelius
Die große Ehre und Herausforderung, am 18.07. 2009 das V. Amphi-Festival einzuläuten, wurde einer der wohl skurrilsten Bands der schwarzen Szene zuteil: Coppelius. Gegen 12 Uhr sammelten sich also die ersten Zuhörer unter den Schirmen des Tanzbrunnens und warteten gespannt auf das, was nun kommen sollte.
Zuerst betrat Moderator Honey (Welle:Erdball) die Bühne und lieferte einen Auftritt, den man sich hätte sparen können. Nicht nur, dass er freimütig gestand, bis vor fünf Minuten noch nie etwas von dieser Band gehört zu haben (Bereitet man sich als Moderator eigentlich nicht vor?), bei dem Namen verhaspelte er sich dann auch noch grundlegend und kündigte „Coppeliklus“ an.
Doch rasch eilte Butler Bastille auf die Bühne und rettete die Situation, indem er erst einmal Instrumente und Deko entstaubte, wobei er zeitweise gegen heftige Nebelschwaden ankämpfen musste. Dazu erklangen klassische Töne aus dem Röhrenradio am Bühnenrand, die ihm offensichtlich auf Dauer nicht gefielen. Und so begab er sich auf die Suche, nach einem besseren Sender, drehte und drehte am Knopf, bis … ja! … das Intro (der „Tanz der Zuckerfee“ aus Tschaikowskis „Nussknacker“) erklang.
Nun betraten die fünf Herren nacheinander die Bühne, begrüßten sich freundlich, nahmen ihre Plätze ein … und legten los mit einer langen Instrumentalnummer, die deutlich machte, dass das, was einen nun erwartete, alles andere als „verstaubt“ war. Bastille, von Begeisterung ergriffen, packte sich ein Becken, flitzte damit über die Bühne und schlug so lange darauf ein, bis die Metallplatte vom Ständer sprang und in den Fotograben fiel. Das war jedoch zum Glück der einzige Kollateralschaden dieses grandiosen Auftritts.
Weiter ging es mit „Der Advokat“ und „Schöne Augen“. Bei letzterem versuchte Bastille sich erstmals wieder im Headbanging, was jedoch aufgrund seiner stark geschrumpften Lockenpracht nicht wirklich überzeugte. (Für Uneingeweihte: Nachdem auf einer Konzertreise dem Grafen Lindorf der Zylinder gestohlen worden war, schor sich Bastille aus Gram die schulterlangen Haare kurz.)
Noch waren die Reaktionen des Publikums eher verhalten, doch der emsige Butler ließ nicht locker mit seinen Versuchen, die Leute zum Mitklatschen zu animieren. Bei „To my Creator“ wurde er auch selbst wieder aktiv, diesmal mit Schellenkranz und Rassel, die ihren Einsatz glücklicherweise überlebten. Nach „Urinstinkt“ wurde der Applaus schon lauter und zunehmend blieben Leute interessiert stehen. So wurde Graf Lindorfs Frage: „Mehr?“ nun auch lauthals bejaht und es folgte „Habgier“. Den Ausklang bildete „I Get Used to it“, wobei während eines ruhigeren Abschnitts Bastille eine Laterne über dem Publikum schwenkte, das es ihm mit einem wogenden Händemeer dankte. Danach gab es einen furiosen und lange anhaltenden Applaus, dem Zugabe-Rufe folgten. Die Coppelianer waren daran zu erkennen, dass sie stattdessen, wie es sich gehört, „Da Capo!“ schmetterten.
Doch bei den ersten Bands mit ihren Kurzauftritten von gerade mal einer halben Stunde sind Zugaben vom Veranstalter leider nicht eingeplant, was in diesem Fall wirklich sehr bedauerlich war, denn Coppelius hatten ihren Auftrag, das Publikum anzuheizen und auf die nächsten Auftritte einzustimmen, großartig erfüllt. Aber nicht genug damit, dass eine Zugabe nicht möglich war. Als Bastille noch einmal auf die Bühne lief, um den Fans zumindest noch ein Trostwort mit auf den Weg zu geben, musste er entsetzt feststellen, dass man ihm das Mikro brutal abgedreht hatte. Unplugged und mit Hilfe aller, die wussten, was als Letztes bei einem Coppelius-Konzert kommen musste, brachte er die Botschaft aber doch noch herüber: „Coppelius hilft!“
(MI)
Mantus
Auf der Grenze zwischen Institution und Insider-Tipp bewegt sich die Kölner Gruppe Mantus, die mit ihren düster-romantischen Liedern, melancholischen Texten und teilweise wunderschönen Melodien die Szene seit gut zehn Jahren (mit mehrjähriger Unterbrechung) bereichert – auch wenn mancher Song sich sprachlich wie musikalisch auf dem Niveau einer Pubertätsdepression bewegt. Wie dem auch sei, man durfte gespannt sein, wie es ihnen gelingen sollte, dies live umzusetzen, ein Wagnis, welches man bisher noch nie eingegangen war.
Live-Premiere vor der gut besuchten Mainstage – es wundert nicht, dass Unsicherheit und Nervosität der Interpreten geradezu greifbar waren, wenngleich manches auch auf fehlendem musikalischen Können basieren mag. Der Sound war ordentlich, schön druckvoll, litt aber darunter, dass der Gesang (insbesondere der Sängerin) extrem verstärkt werden musste, weil jegliche Substanz fehlte. Vor allem in hohen Passagen wurden die Töne zwar meist getroffen, konnten aber selten überzeugen.
Wenig gelungen war auch die Songauswahl: zu Beginn „Wir warten auf den Tod“ allerdings nur als kurzer Einspieler (eine Schande bei dem schönen Lied), dem das ordentliche „Mantusalem“ folgte, bevor mit „Kleiner Engel flügellos“ ein Höhepunkt erreicht war, dem leider keine mehr folgten. Statt ein „Best of“ zu präsentieren, wurde meist die aktuelle CD promoted – nachvollziehbar, aber wenig sinnvoll, zumal man sich auch diesbezüglich nicht für die mitreißendsten Stücke entschied. Wo waren „Abschied“, „Ewigkeit“ oder „Ein letztes Mal“? Das textlich etwas naive, aber nichtsdestoweniger schöne „Stummes Gebet“ und „Untergang“, der schmissige Opener des aktuellen Albums „Requiem“ stimmten versöhnlich, änderten daran aber nichts. Schade – zumal die Gruppe mit etwas mehr Routine (und ein paar Gesangsstunden) ohne Zweifel auch live ein belebendes Element des manchmal etwas faden Subgenres Goth-Rock sein könnte – und gehaltvoller als manch „tränenreicher“ Topact sind sie jetzt schon.
(DMZ)
Solar Fake
Gewohnt gut gelaunt und stimmgewaltig präsentierte sich Sven Friedrich mit seinem Elektro-Projekt SOLAR FAKE zu früher Nachmittagsstunde den Festivalbesuchern. Der Zeraphine-Sänger eröffnete das Set mit “Hiding Memories From The Sun”, einem ruhigeren Stück des Debüts “Broken Grid”. Doch direkt mit “Stigmata Rain” ging es gut gerade aus. Wie ein Flummi hüpfte Friedrich über die Bühne. Unterstützung bekam Sven von Keyboarder Frank, mit dem er zuvor die Fans mit Autogrammen versorgt hatte. Die weiteren Tracks “(You think you’re) radical” und “Sometimes” gefielen den Zuhörern, bevor der Auftritt mit der Clubsingle “The Shield” und dem Radiohead-Cover “Creep” den Höhepunkt erreichte. Besonders erster Song war vielen Besuchern aus den schwarzen Clubs bekannt. “Lies” beendete einen gelungenen und durch einen guten Sound gekennzeichneten Gig.
(SH)
The Birthday Massacre
Innerhalb von 30 Minuten bauten allerhand fleißige Hände die Bühne von einem elektronischen Act auf die Goth N Roller von THE BIRTHDAY MASSACRE um. Der große Banner lockte viele Zuschauer an, und an die zunehmende Enge während der Umbaupause zeigte, dass die Kanadier geradezu erwartet wurden. Als die sechs Musiker die Bühne betraten, war selbige ausgefüllt, denn THE BIRTHDAY MASSACRE bieten nicht nur Musik, sondern vor allem auch Show. Sängerin Chibi schneidete Grimassen, Gitarrist Rainbow spuckte und ließ den Speichel aus seinem Mund laufen und Keyboarder Owen turnte auf seinem Instrument rum. Alle in einheitlichen Hemden gekleidet, boten die Musiker einen Querschnitt aller Alben. Ob “Lover’s End”, “Walking with strangers” oder “Blue” - THE BIRTHDAY MASSACRE fegten wie ein Orkan über das Amphi Festival und erstmals waren auch Zugabe-Rufe an diesem Tage zu hören.
(SH)
Als fünfte Band auf der Mainstage standen ab 16:10 Uhr für fünfzig Minuten Eisbrecher auf dem Programm, und jeder Fan wusste, was das heißt: ein bisschen Industrial, ein bisschen Electro, ein bisschen Gothic, aber vor allem: laute Musik, kritische und böse Texte sowie Klänge, die in die Glieder fahren! Diese Erwartung wurde auch diesmal nicht enttäuscht.
Nach einem ziemlich langen, aber witzig gehaltenen Soundcheck („Ich kann nicht zählen, deshalb entfällt diese Nummer.“) erklangen die sanften Töne einer Spieluhr, roter Nebel waberte über die Bühne, und dann dröhnten die – ja, natürlich: LAUTEN – Klänge des Titelsongs vom letzten Album über das Tanzbrunnen-Gelände: „Kann denn Liebe Sünde sein?“. Fast gleichzeitig begann es, wie aus Kübeln zu schütten, so dass nicht ganz klar war, ob Frontmann Alexx mit seiner anschließenden Begrüßung: „Was für ein Empfang!“ sich nun sarkastisch auf den Regen bezog, oder tatsächlich den tosenden Applaus des Publikums meinte.
Doch zum Nachdenken blieb keine Zeit, denn schon ging es weiter mit „Angst?“ und „Antikörper“. Wippende Regenschirme zeigten, dass das Wetter der Stimmung keinen Abbruch tat. Wer keinen Regenschirm hielt, nutzte die Chance und klatschte bei „Heilig“ kräftig mit. Anmoderationen wurden bei diesem Auftritt ganz klein geschrieben, und so schlossen sich fast nahtlos der böse Song über Selbstverstümmelung, „Leider“, an, „Vergissmeinnicht“ zum Thema Tod und Abschied und das SM-Stück „Schwarze Witwe“, bei dem sich Alexx immer wieder tief zum Publikum in den ersten Reihen hinunterbeugte. Offensichtlich gab es dort keinen Mangel an weiblichen Wesen, die gerne seine Schwarze Witwe gewesen wären …
Natürlich durfte auch „This is Deutsch“ nicht fehlen, wozu sich der Sänger umzog. Mit Jägerhut und Weste kommentierte er (wohl nicht ganz ernst): „Wird Zeit, dass ich in Rente gehe. Wie lange soll ich noch meinen Bauch einziehen?!“ Keine Sorge Alexx – du kannst das mit der Rente ruhig noch ein wenig aufschieben: So dick ist der Bauch noch nicht! Den Abschluss bildete schließlich „Miststück“, ein Song, der auf fast jedem Eisbrecher-Konzert gespielt wird, sich großer Beliebtheit erfreut, aber trotzdem auf keinem Album der Band zu finden ist. Dafür ist er auf dem Album „Kopfschuss“ der Band Megaherz. Des Rätsels Lösung: Alexx und Pix, von denen das Stück stammt, waren vor der Gründung von Eisbrecher bei Megaherz.
Jedenfalls schwang sich Alexx beherzt in den Graben und dirigierte von dort aus das Publikum, das nunmehr aus vollen Kehlen den eingängigen Refrain intonierte: „Du bist ein Miststück / Du bist ein Stück Mist / Du bist ein Miststück / Ein Stück Mist!“ Am Ende tobte das Publikum, lauthals wurde eine Zugabe gefordert … doch leider, leider blieb sie auch hier aus. Die Bühne musste pünktlich für den nächsten Act geräumt werden.
Eisbrecher traten zum dritten Mal auf dem Amphi auf, aber zum ersten Mal auf der Mainstage. Abschließend lässt sich sagen, dass sie sich diesen Standort redlich verdient haben und zu hoffen bleibt, dass es dort auch in den kommenden Jahren ein Wiedersehen mit ihnen geben wird. Vielleicht sogar im Abendprogramm, wo die eine oder andere Zugabe möglich ist. Denn trotz düsterer und sarkastischer Texte: Diese Band ROCKT!
(MI)
Von vielen Besuchern sehr gewünscht und absolut begehrt, wurde die 2002 gegründete Band "Agonoize" auf dem diesjährigen Amphi erwartet. Bekannt durch Ihre viel gespielten Kracher wie „Koprolalie“ und „999“ hatte die Band um Frontmann Chris L. nun die Chance auf dem Amphi Festival die Bühne zu smashen…hat sie aber leider nicht. Im Gegensatz zu den sonstigen Bühnenshows auf denen auch schon gerne einmal Kettensägen zum Einsatz kommen, war von Show nicht viel zu bemerken.
Das Einzige, was dauerhaft als Showteil im Zentrum stand, war das recht einfallslos auf der Bühne blinkende Lichtkreuz. Leider war zudem auch noch die Akustik der Halle nicht wirklich zuträglich, sodass man von vielen Texten leider nicht wirklich viel verstanden hat. Dadurch wurden leider auch Stücke wie „ Femme Fatale“ zur „Farce Fatale“…Die amüsanten Versuche mit Zwischeneinlagen wie z.B. einem Cover von KISS´s „I was made for loving you“ waren deshalb beim Publikum leider auch nicht von Erfolg gekrönt, sodass sich die Halle nach ca. der Hälfte des Auftritts auch step by step leerte. Alles in allem leider nur ein Auftritt der bestenfalls als okay bezeichnet werden kann. Fazit: Leider.
(DU)
Covenant
Zu den ersten Sonnenstrahlen des Tages betraten COVENANT die Bühne. Klassisch in hellen Anzügen gekleidet, setzten sie nach ihrer umjubelten Show vom letzten Jahr 2009 noch eins drauf und stellten zwei neue Songs vor. Das Publikum nahm diese jubelnd auf, und wir dürfen gespannt sein, was das neue Album sonst noch so bereit hält. Die neuen Tracks fügten sich gut in das Set ein; natürlich durften Hits wie “Pulse”, “20 Hz” und “Ritual Noise” nicht fehlen. Eskil hatte zwar mit Stimmproblemen zu kämpfen, war aber gut gelaunt und animierte die Zuhörer. Die Stimmung steigerte sich von Song zu Song und kochte bei der Zugabe fast über. Besonders die alternative Version von “Brave New World” fand bei den Fans große Zustimmung.
(SH)
Feindflug
Sollte dereinst ein Konversationslexikon aus schwarzer Perspektive erstellt werden, so wäre die Gruppe „Feindflug“ für das Stichwort „kontrovers“ ohne Zweifel ein heißer Kandidat. Zu offensichtlich suchen die Haupt-Protagonisten Banane und Felix den offenen Tabubruch, der in Deutschland nach wie vor am besten funktioniert mit Anspielungen an die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg (wie bereits aus der Benennung der Gruppe ersichtlich wird).
Wie auch immer man im Einzelnen dazu stehen mag, das konstruierte Image, die Musik und die Live-Performance, verwendete Bilder, Filme und Klangbeispiele, ergeben ein stimmiges Bild. Abgesehen davon liefern Feindflug in schöner Regelmäßigkeit Songs ab, die für jeden DJ eine sichere Bank zur Tanzflächenbefüllung sind, auch wenn die Sozialstruktur der „Feindflug-T-Shirt-Träger“ vorsichtig ausgedrückt eine andere ist, als die des gemeinen homo sapiens gothicus.
Beredtes Zeugnis dafür waren die Umstände des letzten Amphi-Auftritts vor zwei Jahren, als vor dem hoffnungslos überfüllten Theater eine noch mal so große Menge vergeblich Einlass begehrte.
Dies sollte sich nicht wiederholen und tatsächlich bot die neu erschlossene Rheinparkhalle allen Interessierten die Möglichkeit, einer mit Spannung erwarteten Darbietung beizuwohnen, wenngleich man den Eindruck hatte, dass auch die um ein Vielfaches größere Halle an die Grenzen des Fassungsvermögens geführt würde, obwohl eine Zugangsbeschränkung bestand: Jugendlichen unter 18 Jahren blieb der Eintritt verwehrt.
Ein weiser Entschluss, denn was geboten wurde, war nichts für zarte Gemüter: Panzersperren, Tarnnetze, mehrere martialische Trommelschläger sowie ein mit Gasmaske bewehrter Gitarrist sorgten für ein Bühnenbild à la Dünkirchen, während im Hintergrund per Beamer Filmausschnitte präsentiert wurden, die in der Tat Erwachsenen vorbehalten bleiben sollten. Was sich aber wie billige Effekthascherei liest, fügte sich mit der Musik zu einem beängstigenden Gesamtwerk zusammen, dem nichts Kriegs- oder gar NS-Verherrlichendes innewohnte, sondern das vielmehr tief verstörend wirkte – ohne den Bewegungsdrang zu unterdrücken. Anders als bei vielen elektronischen Gruppen entwickelten die Songs durch die visuelle Darreichung, die akzentuierende Gitarre und das mannigfache Schlagwerk eine Dynamik, die noch einmal weit über das Discotheken-Erlebnis hinausging – allen voran „AK 47“; „Ersatzteil“ und „Tötungsmaschine Mensch“. Die Wirkungskraft erfuhr dadurch eine Steigerung, dass man eben nicht nur kontinuierlich powerte, sondern auch ruhige Passagen einbaute, ja, bei „Roter Schnee“ mit Finger auf dem Mund dem Publikum sogar zu schweigen gebot, was angesichts des zu diesem Zeitpunkt vorgebrachten Textes („Stalingrad – Massengrab“) eine geradezu beklemmende Wirkung hatte, die sich anschließend in um so wilderem Tanz bahnbrach.
Nicht einmal die Hallendecke konnte dem standhalten und warf mehrere Quadratmeter Putz von sich, die auf die Bühne fielen – doch was zunächst wie ein einfallsreicher Bühneneffekt wirkte, war bitterer Ernst. Die Folge: Konzertabbruch, Hallenräumung, Betrübnis (schließlich hätte man gerne noch mehr gesehen und gehört) und ein großes Fragezeichen – würde Laibach jetzt noch spielen können? Die Rheinparkhalle jedenfalls konnte fortan nicht mehr genutzt werden.
(DMZ)
Fields of the Nephelim
25 Jahre Zeitgeschichte betraten dann am Samstagabend als Headliner die Mainstage. Carl McCoy, in Zylinder und Gehrock, löste bereits beim Betreten der Bühne ein frenetisches Kreischen in der Menge aus, nachdem ein Fan die Ehre hatte die Band anzukündigen. Fields, die mit Alben wie „Earth Inferno“ die Szene prägten, waren eine der begehrtesten Bands auf diesem Amphi. Kracher wie „Moonchild“ brachte die Menge zum kochen und Carl nahm die Bühne in gewohnter Manier mit seinem Charisma ein.
Roter Nebel tauchte die Bühne in ein schön-schauriges Ambiente und unterstrich damit sehr gut Songs wie „Preacherman“ oder auch „Love will under“. Die Menge erlebte bei diesem Querschnitt absolut ein Gänsehauterlebnis und verfiel sichtlich den düster rockigen Klängen. Alles in allem war der Headliner am Samstag genau das was er sein sollte und erfüllte damit absolut die Erwartungen der Besucher. Mit diesem souveränen Auftritt dürften sich Fields of the Nephilim die nächsten 25 Jahre Musikbusiness gesichert haben!
(DU)
Dem mit Spannung erwarteten Auftritt der slowenischen Ausnahmekünstler Laibach, für viele das absolute Highlight des diesjährigen Amphi, wurde also ein weiteres Element hinzugefügt: wann und wenn ja, wo würde das Ereignis stattfinden? In einer in Form und Inhalt unverschämten Durchsage gleich nach dem Abbruch des Feindflug-Konzerts („Ihr könnt jetzt schon mal buhen, dann habe ich es hinter mir“) wurde man auf Durchsagen vor der Hauptbühne vertröstet, wo es nach „Fields of the Nephilim“ endlich hieß: Laibach spielt im Theater, Beginn ca. 23 bis 23:10 Uhr.
Nun, der Konzertbeginn war dann doch erst um 0:05 Uhr, nichtsdestotrotz eine logistische Meisterleistung allererster Güte, das überhaupt hinzubekommen – Hut ab! Und diejenigen, die trotz aller Unbill ausgeharrt hatten, wurden reichlich belohnt. Laibach liefert nun einmal stets hohes Niveau, obwohl man nie so recht weiß, was einen erwartet. Nur eines ist sicher: es wird kein „normales“ Musikkonzert – schließlich ist Laibach auch keine Band, sondern versteht sich als Künstlerkollektiv, dessen Anspruch viele Betrachter schlicht und einfach überfordert. So kommt es, dass die eigentlich ins Groteske überzeichnete Verwendung militaristischer und totalitärer (nicht nur nationalsozialistischer, sondern ausdrücklich auch sowjetrussischer und sozialistisch-jugoslawischer) Symboliken und Thematiken als platte Nazi-Verherrlichung ausgelegt werden - Denkvermögen und ein Mindestmaß historischer Bildung sind eben unverzichtbar für das richtige Verständnis des Konzeptes „Laibach“, vgl. auch die Aussage von Milan Fras, Laibach seien ebenso Faschisten, wie Hitler Maler gewesen sei.
In Köln war es das Programm der „Volk“-Tournee, jenem Album, in dem zahlreiche Nationalhymnen nach Laibach-Art interpretiert werden. „Germania“, die Version des Deutschlandlieds, war logischerweise der Opener in Köln. Und so ging es weiter: „America“, „Anglia“, „Yisrael“, „Francia“, „Türkiye“, bevor „Zhonghua“ (= China), diesen Teil beschloss – allesamt live wesentlich unterhaltsamer als die gelegentlich etwas drögen Albumversionen.
Nach kurzer Pause dann das volle Brett: mit „Tanz mit Laibach“, „Alle gegen Alle“, „Du bist unser“, „Achtung“ etc. wurden die Discothekentauglichen Hits abgehandelt, mit dem Ergebnis, dass auch um 1:10 Uhr, als das reguläre Set endete, kaum einer vorzeitig gegangen war und man lautstark Zugaben verlangte. Die kamen dann auch und als zum Abschluss mit „Brat moj“ noch ein regelrechtes Kleinod zum Besten gegeben wurde, erhob sich frenetischer Beifall, der während des abschließenden Medleys, das den Abspann mit einer Auflistung der beteiligten Personen untermalte, nicht abebbte.
Der Sound war angesichts des improvisierten Aufbaus akzeptabel, lediglich der Stimme fehlte es an Fülle, Milan Fras knarzte mehr als er sang. Die Beleuchtung war sparsam, jegliche Effekte überließ man der Beamer-Show, welche die Songs stimmungsvoll ergänzte, und teilweise hochinteressante, neue Akzentuierungen setzte (dass die Lieder aber auch alleine bestehen konnten, sah man, als bei „Yisrael“ die Technik versagte und die Projektionen für drei Songs ausblieben). Für Laibach-Verhältnisse war es alles in allem ein ordentlicher Gig, der den Ansprüchen genügte, ohne vollendete Perfektion zu präsentieren (Setlist ohne Spannungsbogen; improvisierte Technik). Dennoch befand man sich aus gesamtkünstlerischer Perspektive immer noch auf einem Niveau, das vieles, was sonst in diesem Jahr geboten wurde, meilenweit überragte.
(DMZ)
Bericht wird mit dem Amphi-Sonntag fortgesetzt... HIER!
Bericht:
Der Mächtige Zeus (DMZ)
Duinne (DU)
Seelenhexe (SH)
Midnight Ivy (MI)
Bilder:
:UnMensch:
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