Mono Inc.
Ehe am Sonntag um 12 Uhr Mono Inc. auf der Mainstage den zweiten Tag des Amphi-Festivals starten durften, war es erst einmal wieder Zeit für Honey, der darüber aufklärte, dass am Vorabend beim Konzert von Feindflug nicht etwa die gesamte Rheinparkhalle eingestürzt sei (Hatte das irgendjemand behauptet?), sondern sich nur ein zwei Quadratmeter großes Stück Putz von der Decke gelöst habe. (Vor meinen Augen erschien die potenzielle Express-Schlagzeile „Grufties hauen auf den Putz!“) Und es sei auch niemand zu Schaden gekommen. Aber nun seien alle Konzerte von dort in das Theater verlagert worden. (Gut zu wissen.) Doch nach einem „Spezialapplaus“ für die Hilfskräfte, die für einen raschen Umbau gesorgt hatten, war es dann endlich Zeit für einen „Spezialapplaus“ für Mono Inc., eine Band, die zuletzt als Support von Subway to Sally in Köln gewesen war und dort als Anheizer absolut überzeugen konnte.
Die Musiker betraten die Bühne – und verschwanden erst einmal im Nebel. (Randnotiz: Überhaupt wurde Nebel auf diesem Amphi mehr als reichlich eingesetzt. Wobei sich mir so langsam die Frage stellt, ob es eigentlich irgendein Gesetz gibt, nach dem Musiker ständig in Nebelschwaden gehüllt werden müssen …) Doch das waberige Zeugs verzog sich zum Glück schnell wieder, Katha Mia legte auf den Drums los, Sänger Martin erschien und alle gaben bereits beim ersten Song, „This is the Day“, volle Power. Schon jetzt konnte man in den Randbereichen einige Zuschauer erspähen, die sich fast hypnotisiert im fetzigen Rhythmus wiegten, und es war klar: Diese Band rockt!
Dabei kam sie rein optisch eher harmlos daher: Carl Fornio und Manuel Antoni im Bandshirt, Sänger Martin Engeler im schwarzen Anzug, auf dessen linkem Ärmel der Titel des aktuellen Albums „Pain, Love & Poetry“ zu lesen war. Auch Katha, die wahrscheinlich schönste Drummerin der Szene, trug schlichtes Schwarz. Doch diese unscheinbare Optik stand in krassem Gegensatz zur Bühnenpräsenz der Band, die von den relativ wenigen Frühaufstehern unter den Goths schon nach diesem ersten Stück mit kräftigem Applaus belohnt wurde. Es folgte der Titelsong des Vorgängeralbums, „Temple of the Torn“, gefolgt von „Voices of Doom“. Erst danach nahm sich Martin Zeit für ein paar kurze Kommentare, nannte für den Fall, dass es jemand nicht mitbekommen hatte, den Bandnamen, wies auf das aktuelle Album hin und erwähnte, dass sie nun schon innerhalb weniger Wochen erneut „im erweiterten Ruhrgebiet“ aufträten. Zum Glück schienen die meisten Kölner noch zu schlafen …
Für „Bloodmoon“ wurde die Bühne in rotes Licht getaucht, während Martin, wie schon zuvor, voller Energie über die Bühne fegte. Es folgte die obligatorische Werbepause mit dem Hinweis auf den Merch-Stand und der Aufforderung: „Kauft reichlich!“ Bei „In my Heart“ hatte selbst der Himmel ein Einsehen: Nach einem nasskalten Tagesbeginn lugte plötzlich die Sonne hinter den Wolken hervor und sollte noch für weitere Stunden für eine etwas freundlichere Atmosphäre als am Vortag sorgen. Inzwischen wurde in den Randbereichen bereits getanzt und bei „Sleeping my Day Away“ auch mitgesungen. Als Martin „Get Some Sleep“ als letzten Song ankündigte, wurde Protest laut. Doch es half nichts, der Veranstalter war diesbezüglich unerbittlich. Noch einmal durfte gesungen, getanzt und geklatscht werden. Aber dann war Schluss.
Was in Erinnerung bleibt, ist, wie schon bei dem Subway-to-Sally-Konzert, die enorme Energie und Begeisterung, die Mono Inc. ausstrahlen, und mit der sie es verstehen, Leute, die vorher noch nie von ihnen gehört haben, spontan in ihren Bann zu ziehen. Es ist zu hoffen, dass wir dieser Band (nicht nur) auf zukünftigen Amphis wiederbegegnen dürfen.
(MI)
Fast schon traditionell ist der Sonntags-Opener im Theater (ja nun doch im Theater und nicht der baufällig gewordenen Rheinparkhalle) das einzige Biotop der Experimentierfreude und nicht selten erlebt man hier die eigentlichen Highlights des ganzen Festivals. Diese Tradition konnte die französische Formation „Rosa Crux“ fortsetzen.
Aufwändige Bühnenaufbauten (mit veritablem Glockenturm zur Linken), drei Chor-Sängerinnen zusätzlich zu den Musikern, ein echtes Klavier sowie eine überaus stimmungsvolle Beamer-Show boten den passenden Rahmen für ein imposantes Konzerterlebnis. Sphärische Synthesizer, mächtige Fanfaren und Posaunen, harte Gitarre, kräftige Trommeln liefern ein Klanggemälde, welches man in dieser Art allenfalls bei Gruppen wie „H. E. R. R.“ oder „Predella Avant“ findet. Dazu ertönt ein klagend monotoner Gesang, dessen Aussprache der lateinischen Texte zwar verbesserungsfähig ist, was der Wirkungskraft aber keinen Abbruch tut, zumal die Wiederholung der immer gleichen Textzeilen mit der Zeit einen geradezu sakral-meditativen Charakter entwickelt, ohne dabei entspannend zu wirken. Im Gegenteil: Stücke wie „Adorasti“, „In tenebris“ oder „Terribilis“ packen den Zuhörer/Zuschauer sofort und liefern Einstiege in schwelgerische Alpträume.
Den bombastisch-grandiosen Höhepunkt stellte aber zweifellos das unheimliche „Omnes qui descendunt“ dar – immens verstärkt durch den eigens dafür konzipierten Film, der im Hintergrund lief. Bestürzt stellte man nach 45 Minuten fest, dass die Spielzeit bereits überschritten war und realisierte nur schrittweise, dass man sich nicht in einem Opiumrausch Edgar Allan Poes, sondern dem Amphi-Festival in Köln befand.
(DMZ)
Panzer AG
Wer sonntags noch verschlafen über das Festivalgelände läuft wird spätestens um kurz vor eins durch eine Gewitterschlag ähnliche Begrüßung geweckt. Andy LaPlegua, Kopf von Combichrist und Mitbegründer von Icon of Coil, steht das erste mal mit seinem Seitenprojekt Panzer AG auf einer deutschen Bühne und wird trotz der frühen Spielzeit von vielen begeisterten Fans schon heiß erwartet.
Nach einem viel versprechenden Intro begrüßt der Frontmann das Publikum mit einem „Good morning germany!“ und ohne Umschweife bekommt der Zuschauer dann auch die Kost die man von LaPlegua erwartet: Harten Bass, eine gewaltige Stimme und eine gelungene Auswahl aus aggressiven und durchaus tanzbaren Songs.
Neben brachialen Liedern wie „Battlefield“ und „Tides that kill“ gibt es auch immer mal wieder kurze ruhigere Momente in denen der Sänger auf der Bühne verharrt und seinen Blick über das Publikum schweifen lässt um sich dann aber wieder in gewohnter Manier an seinem Mikrophon auszutoben.
Zwischendurch greift der Frontmann auch zur E-Gitarre und verleiht der Musik damit einen zwar ungewohnten, aber durchaus sehr passenden rockigen Unterton. Die Keyboarderin fügt sich gesanglich leider nicht so harmonisch in das Gesamtbild ein und die experimentelle Einlage endet glücklicherweise auch schon nach einem Song. Ihre sehr dünne Untermalung des Refrains wirkt eher befremdlich als denn abwechslungsreich.
Aber trotz dieses musikalischen Fehlgriffes und eher ungewohnt „verspielten“ Songs wie „Monster“ hat Andy LaPlegua die Bühne beben und das Publikum jubeln lassen. Nach dem Auftritt hinterlässt Panzer AG eine begeisterte Fangemeinde, die an dem Tag ganz sicher um einige Mitglieder gewachsen ist.
(ST)
Als zweite Band des Tages gaben sich The Other die Ehre, den Horrorpunk aufs Amphi zu bringen und damit etwas für die Iro-Träger zu bieten. Eröffnet wurde mit dem Intro und einigen Songs von der dritten Platte "The Place to bleed", bevor dann die älteren Songs wie "Tarantula", "Ripley 8", dem wohlbekannten "Lover's Lane" rauskramte und abschließend noch eine kleine Nachhilfestunde mit "666 Ways to die" gab.
Apropos Nachhilfestunde, Sänger Rod Usher erklärte auch den Electro-Fans erstmal, was das für merkwürdige Sachen dort auf der Bühne waren: Gitarre, Bass und Schlagzeug nennt sich der Krempel. Alles in allem ein lohnendes Konzert in dessen Verlauf es die Band geschafft hat, die müden Knochen der Besucher zum hüpfen, klatschen und mitsingen zu bewegen. Und wer die Songs nicht kannte, ein Ohhhhh-Ohhhhh ist immer drin.
(SZK)
Delain
Leider hat sich der Platz vor der Hauptbühne nach dem vorherigen Act etwas gelichtet, aber eine eingeschworene Fangemeinde besetzt schon früh die ersten Reihen und erwartet unter Chorrufen die niederländische Symphonic-Metal Band Delain. Unter Applaus betreten die Bandmitglieder einzeln die Bühne, bis dann zum Schluss auch die Sängerin Charlotte Wessels vor das Publikum tritt und besonders euphorisch begrüßt wird.
Ohne Umschweifen donnert es dann auch schon los, wie ein Paukenschlag wird der erste Song eingeläutet und animiert sofort die ersten Fans zum gemeinschaftlichen Headbangen.
Leider erfährt der fulminante Start schon im nächsten Song einen Abbruch und durch technische Probleme ist kaum etwas anderes als der Gesang zu hören und die Instrumente verschwinden im Hintergrund, was die Sängerin aber mit einem Lächeln überspielt und schon nach einigen Sekunden tönt „Stay forever“ gewohnt brachial aus den Boxe.
Es folgen bekannte Songs wie „Go away“, „The Gathering“ und „Nothing left“ und auch immer wieder legt sich der Gitarrist gesanglich ins Zeug und bietet stimmlich einen passenden Kontrast.
Mit besonders viel Gefühl und einer herzlichen Verabschiedung geben die Holländer als letztes Lied „This is Christy“ zum Besten und verabschieden sich vom liebgewonnenen Amphi-Publikum und hoffen bald wieder nach Köln kommen zu dürfen.
(ST)
Es folgten die Mädchenlieblinge Jesus on Extasy, bei denen sich auch die Halle merklich füllte. Man merkte dem Sound den Wechsel innerhalb der Band an, denn es klang deutlich härter und rockiger als die letzten Konzerte, die ich gesehen habe. Geändert hat sich allerdings das Rumgepose des Sängers nicht, was die Fans jedoch nicht zu stören schien, denn diese taten zahlreich und lautstark ihre Begeisterung kund.
(SZK)
Diorama
Mit imposanten Stahlrahmen, in denen die Tastengenies thronten, verzierten Diorama nun die Mainstage. Mit einer sehr kraftvollen, ja fast schon aggressiven Gangart begann Torben Wendt den knapp 1-stündigen Auftritt mit "Kein Mord" aus der bislang letzten Veröffentlichung von 2007 "A different Life". Mit teils sehr verzerrtem Gesichtsausdruck, psychophatisch anmutendem Grinsen oder auch einem herzlichen Lachen in die Menge sorgte der Kopf der Synthie-Pop-Formation mit Songs wie "Synthesize me" oder "Advance" dafür, das keine Langeweile aufkam, sei es auf der Bühne oder bei den zahlreich anwesenden Besuchern.
Besonderer Höhepunkt war für mich persönlich die Darbietung von "Said but true", welches zu meinen absoluten Alltime-Favoriten zählt. Ein großartiger Auftritt, der die Klasse und die Entwicklung der Band aus den Anfangstagen bis jetzt eindrucksvoll unterstreicht.
(UM)
Danach wurde es ruhiger mit den Holländern Omnia, welche ihre Fans mit auf eine Reise durch die Wälder nahmen und ein bezauberndes Konzert für alle Fans des Folk gaben. Sänger Sic leitete jedes Lied mit einer kleinen Erzählung oder einem Gedicht (eines sogar auf deutsch) ein und fügte so alles in ein stimmiges Gesamtkonzept ein, was ihm auch einige, allerdings gewollte, Lacher bescherte. Ein tolles Konzert zum Träumen und auch für eine kurze Auszeit, um den Festivalstress ein wenig zu vergessen.
(SZK)
Um 16:10 Uhr war es mit Saltatio Mortis Zeit für eine der wenigen Bands dieses Festivals, die unter der Bezeichnung „Mittelalter“ gehandelt werden. Wobei sie sich inzwischen selbst schon die Bezeichnung „Metal-Alter“ verpasst haben, was ahnen lässt, dass es sich bei ihren Werken nicht mehr um „reine“ Mittelalter-Musik wie etwa bei den Streunern handelt. Tatsächlich haben Saltatio Mortis, auch wenn sie weiterhin gelegentlich auf Mittelalter-Märkten auftreten, schon lange den Weg Richtung Rock-Szene eingeschlagen. Dabei bestechen sie insbesondere durch ausgesprochen anspruchsvolle und sozialkritische Texte.
Seinen Einstand gab das Sextett mit „Tritt ein“, einem Lied, welches auf dem Märchen „Blaubart“ beruht: Ein Mann sagt seiner jungen Frau, sie dürfe im ganzen Haus schalten und walten, wie sie will. Nur ein Zimmer ist verschlossen und sie soll es niemals betreten. Natürlich ist die Frau neugierig und schließt bei nächster Gelegenheit dieses Zimmer auf. Dort entdeckt sie die Leichen ihrer Vorgängerinnen. Und als ihr Mann nach Hause kommt, teilt sie ihr Schicksal. Mit „Uns gehört die Welt“ wurde einer Hymne auf die Lebensfreude unabhängig von Geld und sozialen Zwängen angestimmt, in die viele lauthals einfielen. Es folgte „Wirf den ersten Stein“ mit dem Thema Selbstgerechtigkeit, ehe es mit „Varulfen“, einem schwedischen Werwolflied, wieder etwas beschwingter und folkiger zuging. Eindrucksvoll war hier, wie Sänger Alea der Bescheidene in verschiedene Rollen schlüpfte und sich teilweise wirklich wie ein leibhaftiger Werwolf anhörte!
Während der nächsten Stücke, „Salz der Erde“ und „Koma“, konnte man allerdings beobachten, dass zwar in den vorderen Rängen fleißig mitgeklatscht und –gesungen wurde. Doch weiter hinten sah es ganz anders aus. Dort tummelten sich Leute mit neon-bunten Plastiklocken und Masken, die offensichtlich mit dieser Art von Musik gar nichts anfangen konnten und sich teilweise auch entsprechend abfällig äußerten. Alea rackerte sich währenddessen auf der Bühne wahrlich ab, doch auch bei „Prometheus“, einem sehr eingängigen Stück, blieb der Refrain, als er ihn vom Publikum einforderte, weitgehend aus.
Inzwischen schien die Band mehr im Durchhalte-Modus angekommen zu sein und versuchte selbst bei „Tod und Teufel“, einem eher nachdenklichen Stück, das Publikum zumindest zum Mitklatschen anzuregen. Danach wies man noch darauf hin, dass am 28.08. das neue Album „Wer Wind saet“ erscheinen wird.
Und dann wurde Alea wagemutig. Nach mehrfachem Zögern ließ er sich zu „Falsche Freunde“ in die Menge fallen … und die Rechnung ging auf: Er wurde gehalten, getragen, für eine Ehrenrunde über die Köpfe des Publikums hinweg, um schließlich sicher wieder am Bühnenrand abgesetzt zu werden. Eindrucksvoll: Während der ganzen Prozedur hatte er unbeirrt weiter gesungen! Den Abschluss bildete das sehr schöne und eingängige Stück „Wir sind wie der Wind“, das von der Freiheit der Spielleute erzählt. Diesmal machte auch das Publikum begeistert mit und als die Band die Bühne verließ, wurde tatsächlich eine Zugabe gefordert!
Alea kehrte zurück, stimmte noch einmal den Refrain des Abschlusssongs an … doch das war offensichtlich nicht genug. So spielte die ganze Band noch „Licht und Schatten“, ehe sie sich abermals mit dem Refrain von „Wir sind wie der Wind“ verabschiedete … Und für einige Minuten klang ihnen noch ein sehnsuchtsvolles „Ho – ho-hoho –hohoho!“ hinterher. Schade war, dass diese Band, die zu einer der großen der Mittelalter-Szene zählt, nicht ihr ganzes Potenzial entfalten konnte. Das Amphi war dieses Jahr sehr electro-lastig, so dass es nur wenig Publikum für diese völlig andere Art der Gothic Music gab. Für die Zukunft würde ich mir daher wieder eine größere Bandbreite wünschen, ohne Bevorzugung einer bestimmten Richtung. Denn gerade Vielschichtigkeit war es, die vor allem die ersten beiden Amphi-Festivals in Köln ausgezeichnet hat.
(MI)
Mit großen Erwartungen harrte man nun des Auftritts von Qntal. Denn auch wenn das musikalische Hirn der Lakaien, Ernst Horn, die Gruppe schon 1999 verließ, um mit Helium Vola ein, sagen wir mal, recht ähnliches Projekt zu starten, verwaltet Qntal doch sein musikalisches Erbe durchaus angemessen – wenngleich die letzten Alben ein wenig Einfallsreichtum vermissen ließen. Aber live ist das ja etwas anderes, so dachte man.
Weit gefehlt. Der Auftritt auf dem Kölner Amphi war von Anfang an unter keinem guten Stern. Erst mit immenser Verspätung konnte begonnen werden: zwei Musiker hatten sich verspätet, so dass die 25 Minuten Verzug, die sich bis dahin bereits angesammelt hatten, noch einmal nahezu verdoppelt wurden.
Als es dann endlich losging, wurde das Theater aber gleich von wohlig bekannten Klängen erfüllt – ja, auch Qntal haben eine Version des „Palästinalieds“ und es ist wahrlich nicht die schlechteste der gefühlten 8 Millionen Adaptionen. Die sparsamen Lichteffekte unterstrichen die Stimmung ohne sie zu verfremden.
Nur etwas irritierte: wo war die wunderbar klangvolle Stimme von Sigrid „Syrah“ Hausen? Die Absolventin des Mozarteums war auf der Bühne, sie sang auch: aber konnte es sich um dieselbe Person handeln, die mit ihrer ausdrucksstarken und ausgezeichnet akzentuierten Vokalkunst für ein ganzes Genre Maßstäbe gesetzt hatte? In den Mittellagen hörte es sich nach wie vor dynamisch, sicher und kraftvoll an, doch sobald die Basis-Oktave überschritten wurde, verkehrte sich dies ins Gegenteil: schwach und unsicher, die richtigen Töne so eben treffend hallten die Stücke durch den Raum.
Als bei „Entre moi et mon ami“ noch die wunderbare Duett-Passage des Refrains furchtbar in die Hose ging, musste man zunehmend um den guten Ruf der Gruppe bangen. Der vorzeitige Abbruch nach dem halben Set aufgrund des zeitlichen Verzuges mag insofern sogar hilfreich gewesen sein – es gibt eben Tage, an denen man sich beim Nasebohren den Finger bricht: abhaken, vergessen und auf ein Besseres beim nächsten Mal. Hoffentlich.
(DMZ)
Hocico
Fulminant, kreativ und absolut brillant waren Hocico und konnten so am Samstagabend auf der Mainstage das Publikum überzeugen. Beliebt durch Ihre bisherigen Alben wie „Blasphemies in the Holy Land“ oder „Disidencia Inquebrantable“ waren die Mexikaner heiß erwartet! Auf der Mainstage tauchten Hocico das Publikum schon mit Ihrem Opener in eine andere Welt. Mit diesem Auftritt, soviel ist klar, machten sie somit Ihrem ersten Auftritt beim Amphi Festival (und im Übrigen dem Einzigen in Deutschland in diesem Jahr) alle Ehre. Das Publikum tobte und man kann mit Recht sagen, daß Hocico ein absolut würdiger Top Act waren. Die Bühnenshow war grandios arrangiert und die Band mit Erik Garcia und Oscar Mayorga, performten jederzeit absolut publikumswirksam. Sie verstanden es mit dem Publikum zu spielen und bei den aktuellen Krachern aus dem Album „Memorias Atras“ johlte die Menge in Scharen. Die mit Federn geschmückten Inkas, die den Auftritt zu einem echten Erlebnis machten, zogen das Publikum auch optisch in den Bann. Als Gesamtbild kann man nur sagen: Meeeeeeeeeeeeeehr davon bitte!
(DU)
Henke
Kehren wir zum Lexikon zurück, wo es für den Begriff „Tausendsassa“ nur einen ernsthaften Kandidaten gibt: Oswald Henke. Sänger, Dichter, Poet, exaltierter On-Stage-Irrwisch und permanenter Bühnensoundnörgler. Sämtliche Side-, Haupt- und Nebenprojekte aufzuzählen würde hier zu weit führen – das dachte sich Herr Henke offenbar selbst auch, weshalb er in diesem Jahr dem Publikum aussagekräftige Exponate aus der Bandbreite des eigenen Schaffens, namentlich Goethes Erben, Erblast und Artwork, präsentierte.
Roh und unverstellt sollten die Stücke sein, ohne Neuinterpretationen oder Bearbeitungen, einfach nur „Henke“. Passend dazu ließ der Meister irre Blicke durchs Publikum schweifen, schrie und tobte und zelebrierte wie so oft seine Extrovertiertheit am Rande der Glaubwürdigkeit.
Auch die Musik hat an Härte zugelegt: der Opener „Kopfstimme“ sowie der Erben-Klassiker „Eissturm“ wurden von harten Gitarren und ebensolchen Electro-Elementen dominiert – hier funktionierte es ebenso wie bei „Zinnsoldaten“, „Die Brut“, „Himmelgrau“, „Nichts bleibt wie es war“. Ruhigere Stücke („Vermisster Traum“ u. ä.) litten darunter, zumal die Rhythmusgruppe die harten Passagen wesentlich besser meisterte – die obendrein über das ganze Set viel zu dominant war.
Oswald Henke versuchte dennoch, stets die lauteste Klangerzeugung abzuliefern. Das bekam weder allen Stücken noch der eigenen Stimme. Er ist kein großartiger Sänger oder gar Shouter, Oswald Henke ist eher ein Rezitator, dessen Stimmorgan die beste Wirkkraft hat, wenn sie akzentuiert spricht – tut er dies, so gibt es keinen besseren, seine perfekte Sprechmelodik und –rhythmik suchen über die Schwarze Szene hinaus ihresgleichen. So aber nahm er sich selbst vieles seiner Wirkung und spätestens bei „Das schwarze Wesen“ waren deutliche Anzeichen von Heiserkeit zu vernehmen. Die hemmungslosen Schreie im Anschluss an „Sitz der Gnade“ machten der Stimme vollends den Garaus.
Was bleibt ist ein zwiespältiges Gefühl. Freilich, was Henke anfasst, hat gute Qualität und besitzt immer eine Berechtigung, und ihn auf der Bühne wirbeln zu sehen ist immer ein Erlebnis.
Nichtsdestotrotz konnte sich der Betrachter eines schalen Beigeschmacks nicht erwehren: Goethes Erben auf Heavy Metal? Das ist wie Filetsteak mit Ketchup – es schmeckt, man kann es essen, aber lukullische Freuden werden leichtfertig vertan. „Was war bleibt – was ist scheint“ – so lautet ein Text von Goethes Erben. Ob er sich auch als Fazit des Projektes „Henke“ eignet, sei dahingestellt. Der Auftritt in Köln lieferte jedenfalls wenig Gegenargumente.
(DMZ)
Unheilig
Schon lange vor der Show wurde aufgrund des dichten Gedränges vor der Hauptbühne deutlich, dass UNHEILIG 2009 zu den absoluten Festival-Highlights zählten. Als die ersten Töne des Intros erklungen, klatschten die Fans begeistert mit und als die vier Musiker die Bühne betraten, kannte der Jubel keine Grenzen mehr. “Feuerengel”, “Lampenfieber” - die Fans sangen lauthals jede Silber mit. Auch der Graf hatte sichtlich Spaß am Auftritt, immer wieder animierte er zum Mitsingen und zwinkerte der Menge zu.
Das Set war abwechslungsreich; langsame Songs (“Astronaut”, “An deiner Seite”) wechselten sich mit Krachern ab. Mit “Sage ja” war der Siedepunkt erreicht, tausende Hände reckten sich gen Himmel und aus tausenden Kehlen ertönte der Text. Mit “Mein Stern” beendete der Graf einen gefeierten Auftritt und auch die längste Schlange des gesamten Festivals am Autogrammstand machte deutlich, dass UNHEILIG ohne Zweifel zu DEN Bands der Stunde gehören.
(SH)
KMFDM
Mit 35 Minuten Verspätung erschienen die Herren und die Dame von KMFDM, ließen sich nicht lange bitten und feuerten einen Song nach dem nächsten heraus, laut, kraftvoll und unbedingt tanzbar. Wie schon anhand der gesichteten Bandshirts zu erahnen war, war auch das Theater gerappelt voll und Songs wie "Potz Blitz" und "Hau Ruck" wurden frenetisch gefeiert. Obwohl Sängerin Lucia ein wenig leise war tat dies der Stimmung keinen Abbruch und so sorgten KMFDM für ein sehr gelungenes Spektakel.
(SZK)
Als das Billing des diesjährigen Amphifestivals bekannt gegeben wurde, sorgte die Information, dass die niederländische Kombo „The Gathering“ auftreten würde, für gewisse Überraschung – was wollen Vertreter jener pseudointellektuellen, Alternative-Gedöns-Musik, die allenfalls noch auf Grundstudiumsfeten von chuckstragenden Philosophie-Studenten gespielt wird, auf einem Gothic-Festival? Die 60 Minuten in Köln konnten darauf auch keine Antwort geben, allenfalls auf die Frage, warum es die Gruppe trotz zwischenzeitlichem „melancholische-Rockband-mit-Frauenstimme-Hypes“ und Umbesetzungen nicht geschafft hat.
Aber noch andere Fragen stellten sich, zum Beispiel, ob das erste Stück, was man hörte, der Opener oder der Soundcheck war. Das ließ sich ebensowenig klären, wie die Frage, warum „The Gathering“ tatsächlich als zweitletzte Band (und damit an prominenter Stelle zwischen KMFDM und Camouflage) im Theater spielten – und vor allem, warum man ihnen ursprünglich 70 Minuten Spielzeit zugebilligt hatte. Denn was da von der Jeans-und-Pulli-Fraktion auf der Bühne abgeliefert wurde, war ungefähr so notwendig wie ein sechster Zeh, nur weniger unterhaltsam: ein Halftime nach dem anderen, immer die gleichen Gesangslinien, die noch dazu regelmäßig in den hohen Passagen mysteriös verschwanden, kombiniert mit dem Charisma eines Magerquarks. Musik, die wahrlich zum Nachdenken anregte: was kaufe ich morgen ein? Habe ich den Herd ausgemacht? Und: Die Hallendecke könnte mal gestrichen werden.
Als der reguläre Set nach gefühlten 600, real aber 60 Minuten endete, hörte man denn auch ein wenig Applaus (Gothics sind in der Regel höfliche Menschen) – aber bloß nicht so viel, dass eine Zugabe zu befürchten war.
So blieb das einzig Positive, dass auf diese Weise der arg verzerrte Zeitplan wieder um 10 Minuten zurück korrigiert wurde. Man hätte noch mal 60 einsparen können.
(DMZ)
Camouflage
Auch bei Camouflage war man ein wenig irritert: Headliner im Theater beim zweiten Tag des Amphifestivals? Aber anders als etwa The Gathering hatte Camouflage überaus erfolgreiche Zeiten, wenngleich der Höhepunkt der Popularität mit Welthits wie „The Great Commandment“ oder „Love is a Shield“ mittlerweile auch zwanzig Jahre zurückliegt. Nichtsdestotrotz gehören die Drei aus Bietigheim-Bissingen nach wie vor zu den erfolgreichsten deutschen Musikexporten und erwiesen sich mit ihrem melancholischen Pop, der zwar gelegentliche Reminiszenzen an Depeche Mode aufkommen lässt, aber einem ganz klar eigenen Stil folgt, auch in Köln als würdiger Abschluss des Festivals.
Die Halle war voll, die Stimmung gut, auch wenn allenthalben festzustellen war, dass beim letzten Gig einer anstrengenden Veranstaltung der ganz große Enthusiasmus nicht mehr aufkommen wollte. Andererseits lieferte Camouflage bereits den passenden Soundtrack für die einsetzende Chill-Out-Phase – für die Einen um Kräfte zu sammeln für die After-Show-Party, und die Anderen, um für die anstehende Arbeitswoche gerüstet zu sein: Songs wie „Heaven“, „Thief“ und als zwischenzeitliches Highlight „Me and you“ taten ihr übriges, bei den angesprochenen Megahits erwies sich dann auch der Letzte noch als textsicher.
Der Sound war klar, hier und da fehlte ein wenig Druck, wobei man nicht wusste ob dies wirklich an der Klangübermittlung oder nicht eher an der –erzeugung lag. Wie dem auch sei, als netter Ausklang des Amphi 2009 erwies sich die Entscheidung für Camouflage sicher als richtig.
(DMZ)
Fazit:
Der Vorhang ist gefallen, das V. Amphifestival am Kölner Tanzbrunnen ist Geschichte. Ob es in die Geschichte eingehen wird, kann nur die Zukunft zeigen, ebenso, weshalb dies geschehen wird. Manches Altbewährte konnte man erleben und manche Neuerung wurde versucht, und auch wenn beileibe nicht alles reibungslos funktionierte, so ist wieder einmal der Wille der Veranstalter deutlich zu erkennen, das Festival von Jahr zu Jahr besser zu machen.
An der lausigen Qualität der zu erwerbenden Nahrungsmittel in Kombination mit exorbitanten Getränkepreisen wird sich nie etwas ändern – das ist Angelegenheit der Messegeländebetreiber. Dafür fiel die Security positiv auf: sehr zurückhaltend und auch in Stressituationen höflich und hilfsbereit: gerät da ein Weltbild ins Wanken oder war es einfach nur Zufall? Kein Zufall sicher ist die Tatsache, dass beim Amphi IMMER das seltsamste Wetter des ganzen Sommers herrscht und es durchaus möglich ist, sich gleichzeitig zu erkälten und einen Sonnenstich zu holen – auch hier hat der Veranstalter wenig Einfluss.
Worauf man Einfluss hatte, da wurden Verbesserungen versucht, etwa um den jedes Jahr aufs Neue unmenschlichen Bedingungen im viel zu kleinen Theater Herr zu werden, indem man mit der Rheinparkhalle eine neue Location anbot – dass es sich als Bumerang erwies, liegt nicht in der Verantwortlichkeit des Veranstalters, sondern der Stadt Köln; genau jenem Bauamt, welches die warnenden Hinweise der Angestellten im Stadtarchiv so lange ignorierte, bis der ganze Laden einstürzte. Insofern sind wir mit bröckelndem Putz und platt gestandenen Beinen vor Laibach noch gut davon gekommen.
Uneingeschränktes Lob verdient diesbezüglich aber die Tatsache, dass es gelang, das Laibach Konzert noch am selben Abend, wenn auch mit erheblicher Verspätung, im Theater stattfinden zu lassen – eine logistische Meisterleistung der Crew.
Weniger meisterlich war die Kommunikation. Wenn man dem Publikum schon zumutet (wenn auch nicht aufgrund eigenen Verschuldens) zwei Stunden dicht gedrängt vor dem Theater zu stehen, dann hätte man durchaus hier und da eine kleine Durchsage tätigen können – oder aber ein paar Security-Leute beauftragen, wenigstens die lustigen Gesellen aus der Menge zu entfernen, die sich die Zeit mit dem Grölen von Fussballiedern, unmotivertem Leute-Schubsen oder systematischem Beleidigen der Umstehenden zu vertrieben. Es grenzt an ein Wunder, dass nichts Ärgeres geschehen ist. Was zu einer weiteren Auffälligkeit führt: während der Sonntag tatsächlich wieder so etwas wie Goth-Festival-Stimmung aufkommen ließ, suchte man diese am Samstag vergeblich. Zu viel Masse (in jeglicher Wortbedeutung) – der Szene-Kern ging regelrecht unter, gut gestylte Leute waren in der Minderheit. Statt dessen Tendenzen einer „Wackenisierung“: Saufen, Grölen und der Verzicht selbst auf das kleine Einmaleins des menschlichen Umgangs – eine Folge des weiter voranschreitenden Expansionswillens des Festivals?
Und was bereits im letzten Jahr angemerkt wurde, fand 2009 seine Fortsetzung: bei den Bands ging man auf Nummer sicher und sorgte für Zuschauergaranten – auf Kosten des musikalisch-künstlerischen Anspruchs: auch hier viel Mainstream, viel Durchschnitt und nur wenig Extravaganz. Es bleibt zu hoffen, dass das Rad nicht weiter gedreht wird: die Belastungsgrenze ist erreicht – sowohl die des Geländes, als auch die der Schwarzen Szene. Schließlich soll das erste Jubiläum keineswegs das letzte gewesen sein!
Bericht:
Der Mächtige Zeus (DMZ)
Duinne (DU)
Seelenhexe (SH)
Midnight Ivy (MI)
Strange Zombie Kitten (SZK)
Springteufel (ST)
:UnMensch: (UM)
Bilder:
:UnMensch:
www.black-dimension.de