Ein solides Treffen der schwarzen Musikliebhaber ohne große Überraschungen

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    • Ein solides Treffen der schwarzen Musikliebhaber ohne große Überraschungen

      Die Korsagen sind ausgezogen, das Make-Up entfernt, die Blasen an den Füßen versorgt. Zeit also, das Amphi 2018 Revue passieren zu lassen.
      Eins vorweg: Es gab nur wenig Überraschungen. Sowohl hinsichtlich Line-Up als auch in Sachen Drumherum.

      Samstag
      Musikalisch zählten sicher auch X-RX dazu, die gefühlt auf jedem zweiten Amphi auftreten. Vielleicht liegt es an der Verfügbarkeit, denn Pascal wohnt ja in Köln, Jan stammt aus Neuwied. Die "Amphi-Hausband" betrat vor gut gefüllten Reihen die große Bühne. Damit die beiden nicht so verloren wirkten mit ihren zwei Laptops, brachten sie jede Menge Roll-Ups mit "X-RX" und "Gasoline on Fire" Aufdrucken mit. Viel Publikum bedeutet jedoch nicht zwangsläufig viel Stimmung. Das mussten die beiden Akteure auch erfahren, denn sämtliche Animationsversuche blieben erfolglos. Weder bei "Hard beatz, hard soundz", noch bei "Crank it up" sprang der Funke über. Es sollte auch nicht bei "Gasoline on Fire" oder "Code Red" klappen. Dabei gehören beide Songs zum vielbeachteten letzten Album der Kölner, welches gute Kritiken bekam. Doch es ging noch weiter, die beiden gaben sich weiterhin Mühe und schwitzten sicher ordentlich in ihren schwarzen Westen. Den Einsatz belohnte das Publikum dann auch endlich zum Ende des Sets hin. Bei "Stage 2", was man so wunderbar mitgröhlen kann, kam dann etwas mehr Stimmung auf, "Hit the drums" beendete dann ein solides Set seitens der Band.

      Im Theater standen derweil Centhron auf der Bühne und ließen es ordentlich krachen. Mit "Einheit-C" begann der Auftritt, bei dem alle Fäuste in die Luft gestreckt wurden. "Asgard" schloß sich direkt an und die Band um Elmar Schmidt hatte gleich das Theater auf ihrer Seite. Diese Musik funktioniert zweifelsohne am besten in einem Club oder eben live. Elmar war gut bei Stimme und schrie sich alles von der Seele. Leider war der Bass etwas übersteuert. Die Band ging voll in ihrem Auftritt auf, es machte Spaß, ihnen zuzusehen. Es gab wenig Interaktion zwischen Elmar und den Zuschauern, dennoch bedankte er sich artig nach fast jedem Lied. Naja, die Songs mit Titeln wie "Dreckstück", "Blitzkrieg", "Deutsches Land", oder "Cunt" sprechen eh für sich. Dem Publikum gefiel es. Centhron sind live eine Bank.

      Auch Aesthetic Perfection zählen wie X-RX nicht so den großen Überraschungen auf dem Amphi. Daniel Graves hatte neben Keyboarder Elliot Berlin auch Joe Letz an den Drums dabei. Der Drummer von Combichrist war für den ausgestiegenen Tim van Horn eingesprungen. Kaum erkennbar, weil in Frauen-Kleidung und mit Frauen-Perücke, war Letz zu Beginn des Sets jedoch der einzige, der zu hören war. Das Schlagzeug war völlig übersteuert. Auch bei Aesthetic Perfection gab es zu Beginn des Auftritts keinerlei Reaktionen aus dem Publikum. Kein Wunder, waren doch wirklich nur Drums zu hören. Daniel gab sich Mühe, seine einstudierten Posen alle abzurufen. Mit neuem Bühnenoutfit, bestehend aus einem schwarzen Hut, einer schwarzen Sonnenbrille und einem langärmligem Hemd konnte er kurzzeitig von seinen enormen stimmlichen Problemen ablenken. Man könnte fast meinen, die Posen sind mittlerweile wichtiger als der Gesang. Das Publikum bei Aesthetic Perfection wird seit Jahren immer größer, vielleicht auch durch die eingängigeren Nummer wie "Rhythm + Control" oder "Antibody", die dann langsam dafür sorgten, dass die Zuhörer etwas mehr mitgingen. Als Showstopper legte Daniel "Bye bye bye" ins Set, was auf einem Festival bei eh sehr kurzer Spielzeit keine gute Wahl war. Die neueren Titel kannten die Fans jedoch, diese schienen ihnen auch zu gefallen und so steigerte sich die Stimmung langsam von Song zu Song. Beatlastige Titel wie "Ebb + Flow" oder "LAX" kamen durchaus gut an.
      Fazit: Der Auftritt war noch ok, obwohl ich schon viele bessere von Aesthetic Perfection gesehen habe. Für die enormen technischen Probleme kann die Band nichts. Einmal drehte der Mixer Daniel sogar komplett das Mikrofon ab und es dauerte fast eine Strophe, bis dieser Fehler behoben wurde. Vielleicht war sogar das Absicht. Wenn ich an die stimmlichen Leistungen dieses Auftritts zurückdenke, gruselt es mich nämlich immer noch. Was nützen tolle Posen, wenn das Instrument (in diesem Fall die Stimme) total versagt?!

      Bei OMD lief das natürlich ganz anders ab. Die Herren sind Profis und wissen genau, worauf es ankommt. 40 Jahre Bühnenerfahrung machen eben was her. Bevor der Auftritt anfing, wurden die Briten schon abgefeiert. Als dann nach einer kurzen Verzögerung die ersten Takte von "Enola Gay" zu hören waren, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Zahlreiche Zaungäste neben der Bühne verfolgten aus dem Backstage-Bereich, wie man es richtig macht als erfolgreiche Band. Mit dem zweiten Song "Messages" passten sie auch musikalisch gut zum Festival. Nicht wenige hatten sich nämlich bei Bekanntgabe des Auftritts gefragt, was OMD auf dem Amphi zu suchen haben. "Das sind doch die mit diesen Popsongs", dachte auch ich mir. Nun, OMD sind mehr als das, was auf der kommerziell erfolgreichen Platte "Liberator" enthalten war. Sie sind auch mehr als "Joan of Arc". Und OMD haben aber einen ganz klaren Vorteil gegenüber vielen anderen Bands auf dem Amphi: Irgendwo hat man die Lieder von OMD alle schon mal gehört. Das spürt man natürlich auch an den Reaktionen des Publikums: Die feiern OMD nämlich ganz schön ab, und zwar unabhängig davon, aus welcher "Schaffensphase" das jeweilige Lied stammt: "If you leave" (der größte Hit der Band in den USA) gefiel den Zuschauern genauso gut wie "Pandora's Box" oder "Talking loud and clear". Selbst die beiden von Paul Humphreys gesungenen Songs "(Forever) live and die" sowie "Souvenir" kamen gut an, auch wenn Paul stimmlich bei Andy McClusky nicht mithalten konnte. Der 59-jährige McClusky war sowieso der Mann des Abends: Er wirkte fitter als manche anderen Musiker mit Mitte 30, stimmlich war sein Auftritt 1A, seine Ansagen witzig. Insgesamt war der Auftritt voller Spielfreude, ganz anders, als man manche (große) Bands auf dem Amphi schon erlebt hat. Die vier Musiker hatten keinerlei Allüren und man spürte, dass sie Spaß an der Sache hatten und das Amphi nicht ein "Pflichtauftritt" nur für die Gage war. Beim Publikum kam dieser Auftritt erstaunlich gut an - manche Paare fingen sogar an, Discofox zu tanzen. Für das Amphi sind solche Auftritte eine große Bereicherung - endlich sehen wir auch mal Bands, die man sonst nicht bei Amphi sieht. Zudem waren an diesem Abend Hits aus dem Radio zu hören - sicher auch eine neue Erfahrung. Es hat aber alles gepasst und McClusky kommentierte das Treiben vor der Bühne mit: "Oh ihr mögt elektronische Popmusik. Ja, ich verspreche euch, ich werde es keinem verraten."

      Sonntag
      Solar Fake bekamen am Sonntagnachmittag ihre Spielzeit zugeordnet und nutzten diese gleich, um einige neue Songs vorzustellen. Ende August erscheint die neue CD "You win. Who cares?". Doch zunächst sollten die zahlreich erschienen Fans alte Songs wie „Under Control“ in einer enormen Lautstärke um die Ohren bekommen.„Sick of you“ war dann der erste neue Track. Dieser Song zeichnet sich durch einen ruhigen Chorus aus, gepaart mit einem aggressiven Refrain und entsprechendem Gesang. Die ersten Reihen feierten Sven Friedrich und André Feller gut ab, weiter hinten lauschten die Fans eher ruhig. In Sachen Nebel können Solar Fake langsam den Sisters of Mercy Konkurrenz machen. Die Nebelmaschine lief eifrig. Die Berliner boten einen schönen Überblick über ihr bisheriges Schaffen und spielten neben „The things you say“ auch die gemäßigte Nummer „I don’t want you in here“, die Sven getragen vortrug. Bei anderen Titeln wie „More than this“ kam fast Schlager-mäßige Stimmung auf, woran die Akteure auf der Bühne nicht ganz unschuldig waren: Animierten sie doch ihr Publikum ständig zum Mitklatschen, so dass man kurzzeitig (wenn man die Musik ausblendete) auch auf den Schlagertagen hätte sein können. Dass wir auf dem Amphi waren, zeigten aber Songs wie „Parasites“ und „Reset to default“. Als weiteren Ausblick auf das neue Album spielten André und Sven noch einen Titel namens „The pain that kills you too“. Eine schöne Nummer, mit markanten Keyboard-Elementen als Melodie. Besonders gut nahm das Publikum auch „Papillon“, eine Coverversion der Editors auf. Auch dieser Titel wird auf dem nächsten Album zu finden sein. Laut Sven gaben die Editors „höchstpersönlich“ Solar Fake die Erlaubnis, den Song zu covern. Die Berliner spielten den Titel mit ihrer eigenen Handschrift: Zunächst konnte ich „Papillon“ gar nicht erkennten. Aber gerade das macht ja einen guten Coversong aus. Sehr gelungen! Mit „Observer“ war dann auch Schluss und Sven verabschiedete sich von uns mit einem „Wir sehen uns bald wieder!“. Die Tour ist Anfang 2019, wer möchte, kann dort noch mehr Solar Fake bekommen:
      18-Jan-19 München, Bayern Backstage
      19-Jan-19 Nürnberg, Bayern Matrixx
      25-Jan-19 Frankfurt /Main, Das Bett
      26-Jan-19 Köln, NRW Luxor
      01-Feb-19 Berlin, Lido
      02-Feb-19 Magdeburg, Factory
      08-Feb-19 Erfurt, Club From Hell
      08-Mrz-19 Hannover, Musikzentrum
      09-Mrz-19 Hamburg, Markthalle


      Alle paar Jahre kann man auch Oomph! auf dem Amphi sehen, natürlich immer auf der großen Bühne, natürlich immer abends. So harrten dann auch viele Fans trotz brutzelnder Sonne vor der großen Bühne aus. Die drei Hauptakteure Dero, Crap und Flux kamen alle mit schwarzer Jacke bei Temperaturen um die 30 C auf die Bühne. Mit „Das weiße Licht“ ging der Auftritt los, gefolgt von „Gott ist ein Popstar“, bei dem die Fans sich textsicher zeigten. Nach diesen zwei Titeln flogen dann doch die Jacken weg und es ging mit „Träumst du“? und „Mein Schatz“ weiter. Danach sprangen die Braunschweiger weit zurück in ihrer Karriere: Bei „Der neue Gott“ fiel natürlich im Vergleich zu den bereits gespielten Songs auf, dass Oomph! früher eher in Richtung EBM denn NDH gingen. Der Sound war ausnahmsweise mal gut, so dass „Sandmann“ und „Gekreuzigt“ gut rüberkamen. Natürlich ließ sich Dero ein kurzes Stagediving nicht nehmen.Oomph! verfügen über eine lange Bühnenerfahrung, dennoch sind auch sie vor Verspielern nicht gefeit: So geschehen bei „Kleinstadtboy“, wo das erste Gitarrenriff nicht zu erkennen war. Nachdem die Band kurz Queen’s „We will rock you“ angeteasert hatte, folgte Medley-mäßig „Labyrinth“. Vor der Bühne entstand zeitweise ein kleineres Moshpit. Natürlich durfte der größte kommerzielle Erfolg „Augen auf“ nicht fehlen. Der erste Ommph! Song überhaupt sollte an dem Abend der letzte sein: Mit „Mein Herz“ verabschiedeten sich die Niedersachsen. Fazit: ein gewohnt guter Auftritt, auf Oomph! ist eben Verlaß.

      Was gibt es sonst zum Amphi zu sagen? Vieles ist wie immer, nicht nur die musikalische Auswahl. Es gab mehr Toiletten als je zuvor, trotzdem standen die Damen noch an. Das Wetter war ok. Viele hatten Angst vor der Hitze, aber zum Glück war es oft bewölkt. In Sachen Händler gab es so wenig Tonträger wie noch nie – der Trend zum digitalen Hören ist nun also auch auf dem Amphi angekommen.
      Mal sehen, wen die Veranstalter 2018 aus dem Hut zaubern. Etwas mehr Abwechslung täte dem Amphi mal ganz gut. Ich nehme aber gerne Wetten an…Wetten, dass 2019 wieder Eisbrecher und Covenant dabei sind?