Review Amphi 2019 - Der Sonntag 21.07.2019

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    • Review Amphi 2019 - Der Sonntag 21.07.2019

      HOLYGRAM

      Der Sonntag ging musikalisch für mich mit der Kölner Band HOLYGRAM los. Diese nehmen den Hörer mit in die frühen 80iger Jahre. Cold Wave und Postpunk ist die Stilrichtung der fünf Männer. Bereits 2017 feierten die Musiker ihre Amphi-Premiere. Damals kam mir die „Bühnenshow“ vor wie eine Mischung aus The Sisters of Mercy (Nebel) und Oasis (Outfit von Sänger Patrick Blümel). Die Band, die erstmals beim „Battel of the bands“ Contest des Magazins Sonic Seducer auf sich aufmerksam machte, hat sich deutlich weiterentwickelt. Kein Wunder, zwischen dem ersten Amphi Auftritt 2017 und 2019 liegen diverse Konzerte, Support Gigs (u.a. von OMD) und Festivalauftritte. Die Liam Gallagher Frisur hat Sänger Patrick ebenso abgelegt wie das Tamburin. So war es auch keine Überraschung, dass bei dem diesjährigen Gastspiel deutlich mehr Besucher ins Theater fanden als vor zwei Jahren.

      Dennoch bleibt meine Begeisterung verhalten. Um es gleich vorwegzuschicken: Ich bin kein Experte von Cold oder Dark Wave. Darin liegt wohl auch das Problem. Für mich hört sich das alles so an, als hätte ich das alles schon einmal irgendwo gehört. Mir fehlt die eigene Note von Holygram.

      Der Rhythmus besteht fast immer aus einem 4/4-Takt. Die Lieder wollen einfach nicht enden. Wenn man denkt, der Song ist zu Ende, geht es nochmal los. Bestes Beispiel: „Signals“ vom aktuellen Album „Modern Cults“. Eigentlich ist dieser Song etwas mehr als fünf Minuten lang. Live kam mir das wie eine Ewigkeit vor. Dazu Texte wie: „Sometimes when I close my eyes, I see you walk away“ (“Signals”) oder “it’s such a cold world, it’s such a lonely world” (“Darian”). Brauche ich das? Braucht die Welt das? Oder ist das nicht die Wiederholung dessen, was es schon einmal vor langer Zeit gab? Ich fand es fast ein wenig amüsant, könnte ich die Titel doch nach dem 1. Mal hören schon mitsingen. Ist das gewollt? Handwerklich ist die Musik zweifelsohne in Ordnung, auch wenn ich Sänger Patrick stimmlich besser in Erinnerung hatte. Aber gut, sowas soll mal vorkommen.

      Das Set bestand aus einer Mischung von Songs des aktuellen Albums und der 2016 veröffentlichten EP „Holygram“. Bekanntere Tracks wie „Daria“ und „Still there“ (der Titel des Sonic Seducer Nachwuchs-Wettbewerbs übrigens!) fügten sich gut zu „Hideaway“ und anderen neueren Titeln hinzu.

      Dem Publikum gefiel es – wie in Trance bewegte es sich zu den dunklen Klängen. Und genau das ist die Hauptsache. Es muss nicht mir als Zufallshörer gefallen. Holygram haben ihre Fans, haben ihren „Markt“. Und wenn diese Fans Holygram lieben, ist doch für beide Seiten alles gut.



      FADERHEAD

      Faderhead machten sich währenddessen für ihren Auftritt auf der Hauptbühne bereit. Während das Intro aus der Konserve lief, verrieten hunderte klatschender Hände: Wir haben Lust auf Faderhead! Ja, richtig Lust! Denn um Faderhead war es verdammt ruhig in der letzten Zeit. Das aktuelle Album „Night Physics“ ist von 2017. Aber es gibt gute Nachrichten: Noch dieses Jahr erscheint ein neues Album. „Asteria“ wird es heißen und Sami verriet, dass es am 4. Oktober erscheinen wird. Finanziert hat der Hamburger das Vorhaben per Crowdfunding. Von „Night Physics“ spielte Sami mit seiner dreiköpfigen „Band“ auch gleich den Titeltrack. Ich schreibe deswegen „Band“ weil die drei Männer, die Sami unterstützen, eigentlich nur Einheizer sind. Es war mir während des gesamten Auftritts unklar, wie viel tatsächlich live war. Die drei Männer an den Pults und Macs wirkten auf mich wie die Animateure in einem All inclusive-Club. Aber es zeigte Wirkung: Die Menge vor der Bühne feierte Faderhead ab. Es war für den Nachmittag sehr voll. Die Fans waren begeistert von alten („Destroy, improve, rebuilt“) und neuen („The other side of doom“) Songs. Bei mir konnte der Funke leider nicht so wirklich überspringen, ich hatte Faderhead besser in Erinnerung. Vielleicht war ich aber auch nicht in Faderhead-Stimmung. Ich ging noch während Faderhead spielten zu Schattenmann ins Theater.



      SCHATTENMANN

      Schattenmann waren das Kontrastprogramm zu Faderhead mit ihren NDH-Stampfern. Ich hatte sie bereits im Februar auf ihrer Tour gesehen (damals besuchte ich das Konzert aber wegen ihres Supports). Das Konzert im Februar gefiel mir so gut, dass ich beschloss, mir Schattenmann auf dem Amphi erneut anzusehen. Mittlerweile haben die Franken auch ihren zweiten Longplayer „Epidemie“ aus der Taufe gehoben. Sie boten ein Set mit Songs beider Alben: Der Opener „Schattenland“ von „Epidemie“ war auch gleichzeitig der Opener des Amphi-Sets. Zu meiner großen Überraschung und Freude hatten die vier Musiker ihre Lichtshow mit dabei. Die ist wirklich einzigartig, denn jeder Musiker strahlt im Schwarzlicht anders. Das hatte ich auf dem Amphi nun nicht unbedingt erwartet. Toll, dass das möglich war. Denn diese Bühnenshow passt wunderbar zur Musik. Bei „Licht an“ („Licht aus“) ist ja klar, dass das auf der Bühne dann auch passiert. Nur ist es dann bei Schattenmann nicht stockdunkel, sondern die Musiker leuchten. Genial!

      Wie man das so von der NDH kennt, sind die Songs sehr eingängig und laden zum Mitgröhlen ein: „F.U.C.K.Y.O.U“, „Wahrheit oder Pflicht“, und „Generation Sex“ sprechen eine deutliche Sprache. Aber die Franken um Frank Herzig können auch anders: Bei „Ruf der Engel“ gehen hunderte Hände in die Luft und machen den „Scheibenwischer“, und das ohne gesonderte Aufforderung der Band. Anders als diverse Bands des NDH-Genres haben Schattenmann eine größere Vielfalt und ihre eigene Note. Dazu zählen auch die deutschsprachigen Texte, die aber nicht unter die Gürtellinie gehen, sondern gehaltvoll sind und nachdenklich machen. Nach der kurzen Verschnaufpause mit dem „Ruf der Engel“ gingen die vier Musiker dann nochmal in die Vollen: Zu „Amok“ und „Kopf durch die Wand“ konnte das Publikum dann nochmal „eskalieren“ (Zitat Frank). Es ist unglaublich, welche Energie die Musiker haben und wie viel Krach das Quartett macht. Ein rundum gelungener Auftritt. Schattenmann kommen im Oktober und November auf Tournee und spielen dann in 10 deutschen Städten, darunter in Wuppertal, Frankfurt am Main und Hannover. Es lohnt sich wirklich, diese Band live zu erleben.



      COMA ALLIANCE

      Mit Coma Alliance (Adrian Hates und Torben Wendt) kam für viele bereits am Nachmittag das Festival Highlight. Die Deutschland Tour im Januar 2019 war für viele Fans bereits weit weg. Da kam es gerade richtig, das Coma Alliance als eine der letzten Bands für das Amphi Festival bestätigt wurden. Für diesen Auftritt waren sie zum Trio geschrumpft, hatten sie doch zur Unterstützung nur noch einen Gitarristen dabei. Bei der Tournee waren sie auf der Bühne zu viert. Die vier großen Videoleinwände wurden ins Theater geschoben und auch ich freute mich auf eine weitere Gelegenheit, das Nebenprojekt von Diary of Dreams und Diorama live zu erleben. Mit einer leichten Verspätung startete das Set mit dem Instrumental „Unusual“. Das Theater war wie zu erwarten brechend voll. Beim zweiten Track „Royd“ funktionierte das Mikrofon von Torben leider noch nicht, so dass diese besondere Verbindung zwischen den beiden Musikern noch nicht so richtig da war. Und das sollte leider auch nicht die einzige technische Panne bleiben: Die Videoleinwände funktionierten nicht. Nicht, dass ich sie zwingend bräuchte. Aber sie waren sicher der Grund, weswegen das Duo im kleinen Theater spielen musste. Die Hauptbühne wäre angemessener gewesen, zudem hätten dann mehr Fans die Band sehen können.

      Wie auf der Headliner-Tour spielten Adrian und Torben auch auf dem Amphi Songs ihrer Hauptbands. Bezeichnenderweise war der Jubel beim Diary of Dreams Cover während des gesamten Auftritts am größten.

      Meine persönlichen Highlights waren jedoch das eher ruhige „Miracle“ und „Ca2“. Diese beiden Titel stellen für mich die Quintessenz des Coma Alliance-Sounds dar.

      Es war toll, die beiden nochmal live zu sehen, damit hatte ich nämlich nicht gerechnet. Ich hoffe sehr, dass Coma Alliance nicht ein ähnliches Schicksal widerfährt wie .com/kill…..



      RABIA SORDA

      Der letzte Programmpunkt des Sonntags sollte für mich Rabia Sorda auf der MS Rheinenergie sein. Das Schiff lag nur 300m vom Amphi Gelände entfernt. 2017 musste ich per Bus zu einem anderen Liegepunkt fahren – einfach hinzulaufen war so natürlich bequemer.

      Mit fortschreitender Zeit am Sonntag merkte ich allerdings deutlich, wie bei den meisten Besuchern die Kräfte nachließen. Jede Sitzgelegenheit wurde genutzt, viele lagen auf dem Gelände auch einfach langgestreckt auf dem Boden.

      Auf dem Schiff sollten Rabia Sorda allen die Müdigkeit vertreiben: Mit dem Opener „We’re here to win“ hatten Erk Aicrag und seine zwei Mitstreiter an Gitarre und Drums sofort alle wachgerüttelt. Das überraschte mich doch sehr, denn ich war sehr skeptisch, ob die Bands am zweiten Festivaltag abends noch so viel Kraft mobilisieren können. Rabia Sorda konnten es! Die MS Rheinenergie war sehr gut gefüllt und die Besucher wollten mit Rabia Sorda nochmal ordentlich abtanzen. Songs wie „The world ends today“ nahmen das Publikum wohl wörtlich, denn es feierte, als gäbe es kein Morgen mehr. So sehr, dass das Schiff wackelte. Es wurde ausgiebig getanzt, ein Moshpit bildete sich und es war der Auftritt auf dem Amphi mit der besten Stimmung, den ich am Sonntag miterlebte. „Out of control“ war nicht nur der Name eines gespielten Songs, sondern tatsächlich auch eine gute Beschreibung der Situation. Damit sie nicht außer Kontrolle geriet, schaute der Schichtleiter der Securityfirma persönlich nach dem Rechten, war dann aber der Meinung, es sei noch im alles Rahmen. Mit „Walking on nails“ und „King of the wasteland“ war dann der Höhepunkt erreicht und alle wieder wach. Eine schweißtreibende Angelegenheit dieser Auftritt der Mexikaner.