Diary of Dreams, Support: Noyce TM, 24. 01. 2008, Köln Live Music Hall

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    • Diary of Dreams, Support: Noyce TM, 24. 01. 2008, Köln Live Music Hall

      Diary of Dreams, Support: Noyce TM, Köln Live Music Hall, 24. 01. 2008

      Kontrollierte Träume

      Nicht nur Eisbären, Regenwald und Allgemeinbildung sind akut vom Aussterben bedroht - auch das Tagebuch, vor hundert Jahren noch selbstverständlicher Begleiter eines jeden halbwegs gebildeten Menschen, bewegt sich zielstrebig auf sein Vergessen-Werden hin. Fraglos beraubt sich die Menschheit freiwillig eines wichtigen Kulturguts, sei es als literarische Gattung, historische Quelle oder Ausdruck philosophischer Selbstbetrachtungen, seien es die Tagebüchern der Anne Frank, des Thomas Mann oder des Führers Hund.

      Dass das regelmäßige Aufsetzen eines derartigen Textes eigener Erfahrungen auch reinigende, zur Selbsterkenntnis beitragende Wirkung haben kann, beweist die Notwendigkeit, bei bestimmten psychischen Erkrankungen ein Traumtagebuch zu führen – man zwingt sich selbst mit wachem Geist geträumte Erlebnisse erneut zu durchleben, den Traum in die Realität hinüberzuziehen. Ob diese Konnotation Bandgründer Adrian Hates bei der Namensfindung seiner Gruppe einsichtig war oder er eher dem Reiz der Alliteration erlag, sei dahingestellt; wer aber insbesondere die ruhigen Stücke von Diary of Dreams vor Augen bzw. im Ohr hat, wird nicht bestreiten können, dass der Bandname passend gewählt wurde. Aktuellster Beleg dafür war das 2007 erschienene Album „Nekrolog 43“, welches es 2008 mit einer ausgedehnten Europatournee zu promoten gilt. Zum Auftakt der Deutschlandreise machte man Station in der Kölner Live Music Hall.

      Noyce TM

      Den Auftakt machten aber pünktlich um 20 Uhr Noyce TM, um die es nach viel versprechendem Beginn und drei veröffentlichten Alben Ende der 90er Jahre still geworden war, bis man 2007 wieder den Weg in Tonstudio und auf die Livebühnen fand. Soundmäßig hat man einen deutlichen Schritt in Richtung Electro-Pop gemacht, die Schnittmengen zu Front 242 o. ä. sind bei manchen Stücken schon auffällig. Ansonsten war die Performance absolut in Ordnung: der Mix ordentlich (etwas viel Stimme, deren gelegentliche Unsicherheiten natürlich um so deutlicher zu Tage traten, dafür hätten die Synthies etwas mehr Saft vertragen), Beleuchtung ebenso. Die Songs, bei denen keiner sonderlich abfiel aber ebenso wenig herausragte, hinterließen allesamt den gleichen Eindruck, wie auch die gesamte Darbietung der Gruppe: Potential ist zweifellos vorhanden, aber hier und da fehlt dann doch das entscheidende Quentchen, welches aus einem „ganz nett“ ein „großartig“ macht – insbesondere, wenn man sich den Luxus erlaubt, auf den größten Hit „White Noise“, aus „Zeitgründen“ wie es hieß, zu verzichten, obwohl bereits das drittletzte Stück aufgrund technischer Schwierigkeiten (ja auch Apple-Macs sind nicht fehlerlos!) ausgefallen war (unser besonderes Mitgefühl gehört an dieser Stelle dem guten :UnMensch:, der den ganzen Abend ungeduldig auf diesen Song gewartet hatte – erst eine späte Salzbrezel konnte seinen Schmerz lindern).

      Diary of Dreams

      Die Halle hatte sich zu knappen 2/3 gefüllt als exakt um 21 Uhr das Licht wiederum gelöscht wurde, um dem Intro des Topacts Raum zu schaffen. Vier Männer mit schwarzen Kapuzen betraten daraufhin die immer noch halbdunkle Bühne und sorgten mit einem gelungenen Sprechkanon des Textes von „Nekrolog 43“, dem Titelstück des aktuellen Albums, für einen überaus stimmungsvollen Auftakt. Sehr zur Freude der zahlreichen weiblichen Besucher entledigte sich Adrian Hates allerdings zügig der störenden Kopfbedeckung, um nun mit befreitem Haupt, eindringlichem Gesang und sparsamer Theatralik durch den Abend zu geleiten. Der Sound war gut und voll, einzig die Synthies hätten, wie bereits bei der Vorgruppe, ein wenig mehr Aufmerksamkeit des Soundmanns vertragen, abgesehen vom Akustikpart am Ende des Sets (dazu später mehr).

      Selbstredend spielte man einige Stücke des aktuellen Albums („The Plague“; „Son of a thief“), gleichwohl kamen auch Freunde der älteren Tonträger nicht zu kurz und konnten sich an Stücken wie „She“, „Chemicals“ oder „Soul Stripper“ erfreuen. Den fraglosen Höhepunkt bildete auch hier wieder der atmosphärisch unbezahlbare „Traumtänzer“, bei dem es sogar gelang, das Publikum zum alleinigen Singen des Refrains zu bewegen. Das folgende „UnWanted?“ konnte selbige Stimmung bewahren, bis mit „The Curse“ der reguläre Set endete.

      Kaum hatten sich erste „Zugabe“-Sprechchöre gebildet stand man bereits wieder auf der Bühne – nun mit akustischen Gitarren. Und um den direkten Vergleich zu ermöglichen begann DoD umgehend mit einer nicht-elektrischen Version des zuletzt gespielten „The Curse“. Ob es eine glückliche Entscheidung war, zwei Fassungen Desselben in dichter Folge zu präsentieren, mag dahingestellt bleiben. Das anschließende, ebenfalls akustisch vorgetragene „Giftraum“ beantwortete die Frage, ob hier nicht die instrumentale Vollversion wirkungsvoller gewesen wäre, eindeutig: sie wäre – zumal keine nennenswerte Änderung des Arrangements stattgefunden hatte, man spielte einfach den Song, nur ohne Keys und E-Gitarre. Passiven Widerstand jedenfalls leistete die Technik, indem die Gitarren in wachsendem Maße übersteuerten und schließlich auch bei der Stimme zu Rückkopplungen führten. Versöhnlich stimmte dann wieder der Abschluss: ein schönes Vocal/Piano-Duett von „She and her darkness“, beendete das Schmökern im Traumtagebuch.

      Sicher bot dieses Diarium kein begeisterndes Stakkato aufeinander folgender Höhepunkte. Die Songs zielen darauf ab, eine Stimmung zu erzeugen und zu bewahren, ob nun via Tonträger oder auf der Bühne. Hinzu kommt, dass man der Gruppe deutlich das Bestreben anmerkte, sich nicht völlig zu verausgaben – was in Anbetracht der mit diesem Gig begonnenen monatelangen Tournee durch halb Europa ohne nennenswerte Erholungspausen sogar verständlich ist. Aber auch diese wohl dosierte Art der Verabreichung genügte, dem Besucher gute 100 Minuten träumerischer Unterhaltung zu bescheren.
      Quare religio pedibus subiecta vicissim
      opteritur, nos exaequat victoria caelo.

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    • Ich arbeite dran Yves.

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      Ich sehe soviel Potential, wie es vergeudet wird! Herrgott noch mal, eine ganze Generation zapft Benzin! Räumt Tische ab! Schuftet als Schreibtisch-Sklaven! Durch die Werbung sind wir heiß auf Klamotten und Autos… Machen Jobs, die wir hassen! Kaufen dann Scheiße, die wir nicht brauchen! Wir sind die Zweitgeborenen der Geschichte, Leute… Männer ohne Zweck, ohne Ziel! Wir haben keinen großen Krieg! Keine große Depression! Unser großer Krieg ist ein spiritueller… Unsere große Depression ist unser Leben… Wir wurden durch das Fernsehen aufgezogen in dem Glauben, dass wir alle irgendwann mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars…

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